Lutetia Stubbs

Herz aus Stein

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Inhalt

Lutetia Stubbs: Herz aus SteinLutetia Stubbs sucht nicht nach Leichen – sie werden ihr gebracht; meist in praktische Plastiktüten verpackt und fertig zum Einäschern. Bedauerlicherweise kommen die Kunden in letzter Zeit mehr oder weniger ausgeschlachtet ins Bestattungsinstitut. Für Polizeichef Murdok McDuff die ideale Gelegenheit, seine Lieblingsfeindin samt Familie wegen illegalen Organhandels ins Gefängnis zu bringen.

Mittlerweile hat Harold in Las Vegas die Familienburg an einen Mafiaboss verspielt. Der steht kurz darauf vor dem Burgtor – mit Schuldschein und Panzerfaust und ohne das Bewusstsein, dass seine Lebenserwartung soeben drastisch gesunken ist.

Denn Lutetia ist vieles – nur kein Menschenfreund.


Leseprobe

Falls es jemals ein Fach Skurrile Charaktere und ihr Verhalten in freier Wildbahn geben sollte, war Borough die erste Wahl für Praxisstudien. Lutetia Stubbs lehnte sich zurück und genoss Arthur Bellingtons Traueransprache, der gerade die diversen Vorzüge Elmar Norringtons pries – eines Mannes, dessen religiöse Ignoranz eine Bekanntschaft mit dem Vikar zu Lebzeiten verhindert hatte. Bellington störte das nicht; die Tatsache, vor einem vollen Haus zu sprechen zu können, wog diesen Mangel auf. Lutetia beobachtete die Feier von der Empore aus. Ein Schild mit der Aufschrift “Betreten verboten! Einsturzgefahr!” garantierte ihr die nötige Privatsphäre.

“… ein Mann voller Liebe…” Lutetia sah auf die anwesenden Trauergäste. Ihr Blick blieb unwillkürlich bei Heather Blond hängen. Jeder Blick blieb an Heather Blond hängen, dafür hatte Elmars letzte Gespielin mit viel Make-Up und wenig Stoff gesorgt; eine Maßnahme, die ihr die in der zweiten Reihe sitzenden fünf Ex-Frauen und acht Ex-Geliebten übel nahmen. Die übrigens auch nicht wie klassische Trauergäste aussahen. Norringtons Beerdigung war ein Treffpunkt der mehr oder weniger erfolgreichen Geschäftsmänner von Borough und Umgebung – und damit die ideale Veranstaltung, einen neuen Ex-Mann und Unterhaltszahler kennenzulernen. Auch Heather sah nicht nach trauernder Witwe, sondern nach Lottokönigin aus; was sie spätestens bei der Testamentseröffnung sein würde.

Norringtons Anziehungskraft hatte nichts mit seiner Gestalt, seinem Charakter oder seinem Charme zu tun – sondern ausschließlich mit seinem Bankkonto. Lutetia überschlug: fünfzehn Weibchen. Ausgehend von einer Geschlechtsreife mit sechzehn hatte Elmar siebenundvierzig aktive Jahre – also drei Jahre und drei Wochen pro Frau. Lutetia berechnete, wie hoch ein Vermögen sein musste, um seine Persönlichkeitsdefizite über einen solchen Zeitraum erträglich zu machen. Auch Bellington musste für seine Ansprache eine beträchtliche Summe erhalten haben – anders ließ sich seine Lobeshymne nicht erklären. Der Vikar lief zu Hochform auf.

“Ein Mann voller Tatendrang, der genau wusste, was er wollte und es bekam.” Ein verächtliches Schnauben unterbrach Lutetias Gedanken: Es kam aus dem hinteren Teil der Kirche. Dort saßen Leute, die nicht trauerten, sondern sichergehen wollten, dass Norrington auch wirklich unter die Erde kam oder wenigstens auf irgendeine Art und Weise von der Erdoberfläche verschwand. Lutetia erkannte den Mann, der die andächtige Stille im Kirchenschiff gestört hatte. Dave Ruteledge war der ehemalige Leiter der Notaufnahme des Krankenhauses. Er wurde von Eva Sparrow, der Stationsschwester, begleitet.

“Wenigstens kann sie wieder normal sprechen”, flüsterte Eva.

“Für den Schwachsinn, den sie faselt, hätte ich meine Karriere nicht wegwerfen sollen.” Evas Antwort bestand darin, ihm ihren Arm auf die Schulter zu legen.

Kaum einer der Anwesenden zeigte Anzeichen von Trauer. Norrington war reich gewesen – nicht beliebt. Sogar die McDuffs, die bei allem mitspielten, was mit Geld zu tun hatte, hatten es vermieden, mit dem Bauunternehmer Geschäfte zu machen. Er ging zwar nicht über Leichen – soweit man es beweisen konnte – aber er beschäftigte mehr Anwälte als Bauarbeiter.

Sein Vermögen hatte Norrington mit der Sanierung alter Gebäude verdient. Er kaufte die Immobilien, ließ alles abreißen und baute neue, mehr oder weniger schöne Häuser, die er für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises verkaufte oder zu Raten vermietete, für die man auch monatlich einen neuen Ashton Martin bekommen hätte. Das sah nach Kapitalismus ist Reinform aus – einziger Makel war, dass die meisten Hausbesitzer vorher gar nicht verkaufen wollten; und schon gar nicht zu dem Preis, den Norrington anbot. Dann leisteten seine Angestellten – die meist nur Namen mit drei Buchstaben und einen Baseballschläger in der Hand hatten – Überzeugungsarbeit. Wer dann noch nicht spurte, erwachte morgens im Bett mit nichts als dem blauen Himmel über sich. Manche Baggerfahrer waren wahre Künstler mit der Abrissbirne. Wobei diese Baggerfahrer überhaupt nichts mit Norrington zu tun hatten. Dann konnten die frischgebackenen Ruinenbesitzer froh sein, wenn Norrington ihnen überhaupt noch etwas gab.

Bellington wollte gerade die Verdienste des Verblichenen aufzählen, als er entgegen seiner Angewohnheit einen Blick auf die Gesichter seiner Zuhörer warf und entschied, dass diese die Mühe nicht wert waren. Schließlich hatte er auf Vorkasse bestanden. Kurz entschlossen ließ er die nächsten drei Seiten seines Manuskripts verschwinden.

“Übergeben wir nun die sterblichen Überreste unseres Bruders dem Erdboden, aus dem er geschaffen wurde.” Bellington drückte auf einen Knopf, der die Automatik aktivierte. Zuerst füllten Sphärenklänge das Kirchenschiff, unterstützt vom elegischen Gesang eines gregorianischen Chores. Dann wurde der Sarg von einigen unauffällig angebrachten hydraulischen Zylindern angehoben und in die richtige Position gebracht, bis sich geräuschlos eine zweiflüglige Falltür öffnete und der Sarg langsam im Boden verschwand.

“Fahr zur Hölle”, sagte jemand.

Lutetia wusste, dass der Sarg nicht so tief hinabgelassen wurde, sondern nur bis in die Krypta. Dort wurde er auf einem Förderband abgesetzt, das ins Krematorium führte. Dort wartete George bereits – wahrscheinlich mit seinem Eiersalat-Kresse-Sandwich in der Hand – und würde die Kiste direkt vom Band in den Ofen schieben, die Gasflamme anzünden und pünktlich zum Feierabend zu Hause sein.

Bei eintausendsechshundert Grad dauerte es eine Nacht, bis Norringtons Überreste in die leere Kaffeedose passten, die eine mitleidige Seele anstelle einer Urne gesponsert hatte. Norrington mochte halb Borough gehören – in ein Stück Friedhofsland hatte er nicht investiert. Und niemandem war er genug wert, um eine größere Grabstätte zu bezahlen als die zwanzig mal zwanzig Zentimeter, die ein Urnengrab mindestens haben musste.

Die Falltür im Kirchenboden schloss sich mit einem leisen Klicken, das niemand hörte. Kaum war der Sarg aus dem Blickfeld verschwunden und die lästige Pflicht der Trauerfeier erfüllt, stürmten die Besucher zum Ausgang. Heather Blond hatte sich gerade positioniert, um Kondolenzen entgegenzunehmen, als die Kirche schon leer war. Bellington ging unsicher ein paar Schritte auf sie zu. Die geballte Weiblichkeit dieser Frau verunsicherte ihn, andererseits war sie auch eine trauernde Witwe, der er seinen Beistand nicht versagen durfte.

“Es tut mir leid…”, begann er.

“Um ihn? Wieso?” Heather zeigte mit dem Daumen auf die Stelle, wo Norrington eben noch aufgebahrt war. “Braucht es nicht. Das war er nicht wert.” Bellington überlegte. Im Trauerhilfe-Ratgeber verhielten sich Witwen anders.

“Wenn ich ihnen…” Heather winkte ab.

“Tut mir Leid, Vikar, vielleicht ein andermal. Ich habe in zehn Minuten einen Kosmetiktermin. Ich muss unbedingt diesen Trauernde-Witwe-Look loswerden.” Bellington starrte ihr immer noch mit offenem Mund nach, als die Tür schon längst zugefallen war.

“Sowas”, murmelte er nach einer Weile und verschwand in der Sakristei. Lutetia lächelte im Schatten.

Lutetia wartete, bis Bellington endlich das Feld räumte. Sie hatte persönlich nichts gegen den Vikar, außer dass er sie vor kurzem als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollte, aber sie zog es vor, nicht zuviel Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollte gerade gehen, als jemand vorsichtig auf ihre Schulter tippte. Es war George. Lutetia hätte vieles sagen können, angefangen von: “George, wie schön dich zu sehen”, “Was machst du hier, wir wollten uns doch zu Hause treffen”, “Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?”, “Wie geht es dir?”, “Du hast mir heute noch gar nicht gesagt, dass du mich liebst” bis hin zu: “Was ist los?” Aber Lutetia sah ihn an und fragte: “Wo?”

George drehte sich wortlos um und ging voran. Er schob ein kleines Paneel in der Wandverkleidung zur Seite und kletterte in das Loch dahinter. Der Boden unter der Stadt war von Geheimgängen durchzogen wie ein Apfel vom Wurm und George einer der wenigen, der sie alle kannte. Lutetia folgte ihm blind – George fand sich selbst in völliger Dunkelheit in diesem Labyrinth zurecht; Lutetia brauchte etwas Licht und die Karte, die sie sich angefertigt hatte. Aber diesmal kannte sie den Weg und das Ziel. Minuten später standen sie im Krematorium.

Elmar Norrington lag im offenen Sarg. Im Gegensatz zu eben hatte er keine Schuhe und keinen Anzug mehr an und trug auch sonst nichts mehr, was im Grab keinen Nutzen brachte. Aber das war es nicht, was George aufregte.

“Hatte er eine Herz-OP?”

“Post mortem. Die Wundränder hier”, George fuhr mit dem Finger die Linie des dreißig Zentimeter langen Schnitts entlang, mit dem der Brustkorb geöffnet worden war, “haben nicht ansatzweise begonnen zu heilen. Und er hatte noch fast sein gesamtes Blut im Körper.” Lutetia vermied zu fragen, wie George das herausgefunden hatte.

“Die Wunde hat also kaum geblutet.”

“Kein Wunder, wenn er schon tot war.”

“Eine Obduktion?” George schüttelte den Kopf.

“Natürliche Todesursache.”

“Und was soll dann dieser Schnitt?” George hob die Schultern.

“Ich hab noch nicht nachgesehen.”

“Aha.” Lutetia seufzte. Und krempelte die Ärmel hoch.

Der Chirurg hatte zusätzlich zum Hauptschnitt noch zwei Entlastungsschnitte angebracht, so dass sich Norringtons Brustkorb wie eine Apfelsinenschale aufklappen ließ. Lutetia betrachtete noch einmal die glatten Wundränder.

“Er war nicht zugenäht?”

“Nein. Zugeklebt. Mit Heftpflaster.”

“Wie pietätlos.” Lutetia klappte die Hautlappen zur Seite und stemmte die Hände in die Hüften. Dann hob sie den Rippenbogen hoch, den jemand nur locker in den Brustkorb gelegt hatte. Von außen musste es aussehen, als ob ein Automechaniker die Motorhaube hochklappt, um einen Blick auf die Maschine zu werfen. Bei Norringtons Motor blieben Lutetia für einen Moment die Worte weg.

“Ich habe gehört, dass er ein Herz aus Stein haben soll.”

“Ich dachte, dass ist eine Metapher.”

“Das da ist keine Metapher. Das da ist Basalt.”

“Ich habe den Ofen auf vierhundert Grad gestellt. Damit sollte er morgen früh durch sein”, sagte George eine halbe Stunde später, als beide im Speisezimmer der Burg von Borough saßen, die als Domizil der Familie Stubbs diente.

“Wenn du gerade dabei bist – kannst du den Ofen in der Küche auf zweihundert Grad stellen, dann ist die Pizza in zwanzig Minuten so weit.” Lutetia betrachtete das anatomisch korrekt modellierte Herz auf dem Tisch vor ihr und stutzte. “Sind vierhundert Grad nicht weniger als normal?”

“Ich probiere was aus.”

Der Künstler hatte nicht nur Aorta und Körpervene naturgetreu nachgebildet, sondern auch in die Oberfläche des Perikard die feine Struktur der Muskelfasern eingearbeitet und mit einem Netz von Kapillaren überzogen, aber Lutetia konnte sich nicht konzentrieren.

“Bei vierhundert Grad verbrennt der Körper nicht.”

“Nicht direkt.” Georges Körper sprach Bände. Von Schuld und Sühne.

“Was genau passiert bei vierhundert Grad?”

“Wasser verdampft.”

“Schnellmumifizierung? Aber Mumien brennen wie Zunder.”

“Nicht ohne Sauerstoff.” Hitze. Sauerstoffentzug.

“Holzkohle?”

“Kohlenstoffdioxidfrei.”

“Hundert Kilo Mensch ergeben weniger als fünf Kilo Kohle. Das rechnet sich nicht.”

“Ich werde bereits fürs Verbrennen bezahlt. Die Kohle ist ein Bonus. Sie soll beim Grillen ein besonderes Aroma erzeugen. Ich kann Spitzenpreise dafür verlangen.”

“Und was ist in der Urne?”

“Kaminasche. Die Wenigsten kennen den Unterschied.”

“Bis auf diese kleinen Knöchelchen, die übrig bleiben.”

“Kein Problem, solange wir einmal pro Woche Huhn essen. Woher weißt du davon?”

“Mrs. Borsorki ist mir letzte Woche runtergefallen. Keine Angst, ich hab sie wieder zusammengekehrt. Siehst du das hier?” Lutetia zeigte auf das Basaltherz. Das biologische Gegenstück wäre ein mustergültiges Herz gewesen, das seinem Besitzer hundert Jahre lang viel Freude bereitet hätte. Nur auf der Vorderseite fehlte ein kleines Stück, kaum größer als eine Zehnpence-Münze. George beugte sich vor und betrachtete die Stelle.

“Sieht aus wie ein angeschlagener Suppenteller.” Lutetia wusste, was er meinte. Das Herz war ziemlich schwer. Wenn es runterfallen würde, würde es nicht zerspringen – aber wenn es auf einer Kante aufschlägt, würde sich ein kleines Stück aus der Oberfläche lösen. Das war eine mögliche Erklärung. Nur eben zu… einfach.

“Die Frage ist doch, warum jemand sich die Mühe macht, einem Toten das Herz auszutauschen.”

“Jemand, der ihn wirklich gehasst hat?”

“Würdest du das tun?”

“Nein, es hätte keinen praktischen Nutzen. Tot ist tot.”

“Logisch.” Lutetia versank wieder in grüblerisches Schweigen. “Und wenn er noch nicht tot war? Dieser Ruteledge schien Norrington nicht zu mögen. Als Arzt hätte er die notwendigen Kenntnisse.” George hantierte weiter mit dem Geschirr.

“Ruteledge hat sein Medizinstudium mit einem Sportstipendium finanziert. Als Mittelgewichtsboxer. Wenn er was gegen Norrington unternehmen wollte, dann wäre es nicht eine so filigrane Arbeit gewesen.”

“Eher so Hackfleischfraktion?” George nickte. “Und was hat er gemeint, als er sagte, er hätte seine Karriere wegen dieser Frau weggeworfen?”

“Norrington war oft in der Notaufnahme. Fast jedes mal wenn ich da war, war er auch da.”

“Er sah gar nicht so ungeschickt aus.”

“Nicht er. Seine Freundinnen. Stolperten dauernd und fielen Treppen runter. Oder sind vor Wände gelaufen, von Leitern gestürzt, im Bad ausgerutscht und so was.”

“Diese Art Ungeschicklichkeit”, murmelte Lutetia.

“Bis Norrington eines Abends Heather mit einem Kieferbruch brachte. Ruteledge hat zuerst Heather operiert. Und dann hat er sich um Norrington gekümmert.”

“Das hätte ich sehen wollen.”

“Alle haben dagestanden und applaudiert. Zwei Wochen später bekam der Verwaltungsrat des Krankenhauses den anonymen Hinweis, dass die Notaufnahme zuviel Geld verbraucht. Sie haben die Konten geprüft und eine Differenz von dreiundsechzigtausendzweihundertsieben Pfund festgestellt. Danach kam ein zweiter anonymer Hinweis, dass Ruteledge in letzter Zeit ziemlich viel Geld ausgäbe. Man stellte fest, dass er eine größere Summe in seine Pensionskasse eingezahlt hatte.”

“Lass mich raten”, unterbrach Lutetia. “Dreiundsechzigtausendzweihundertsieben Pfund.” George nickte.

“Ruteledge wurde fristlos entlassen. Seitdem arbeitet er als Landarzt, obwohl er Chirurg ist. Aber mit seiner Vergangenheit bekommt er keine vernünftige Stelle mehr.”

Als vom Ofen das Signal ertönte, stand George auf, nahm die Pizza heraus, teilte sie in zwölf Stücke und stellte sie auf den Tisch. Der Geruch lockte Lutetias Bruder Marx aus seinem Zimmer.

“Geil! Endlich was zu futtern!” sagte er und stürzte sich auf den Teller. Lutetia war schneller.

“Mach dir selber was.”

“George, mach mir was.”

“Bleib sitzen!” kommandierte Lutetia. George, der sich schon halb erhoben hatte, erstarrte in der Bewegung. Marx, der in der Stimme seiner Schwester eine Schärfe wahrgenommen hatte, die er aus leidvoller Erfahrung zu gut kannte, wich zwei Schritte zurück. “Marx, wenn du es noch einmal wagst, George wie einen Butler zu behandeln, werde ich mit dem größten Vergnügen deinen Kopf so lange gegen die Wand schlagen, bis er so platt ist, dass du ihn ohne Probleme durch einen Lattenrost stecken kannst.”

“Beruhige dich. Ich mach mir ja schon was.” Marx zog sich langsam in Richtung Herd zurück und begann dort Aktivität zu simulieren. “Ist ja nicht so, dass es ihn stört. Sollte froh sein, dass wir ihn nicht in eine Klatsche abschieben.”

“Das habe ich gehört!” George hatte sich den größten Teil seines Lebens als Autist verstellt und auch jetzt war Lutetia der einzige Mensch, bei dem er sich völlig natürlich verhielt. Sobald jemand anderes in der Nähe war, fiel er wieder in seine Rolle zurück.

“Wo ist überhaupt unsere Putze? Wozu haben wir eine, wenn sie nie da ist?”

“Harold hat sich gestern aus Vegas gemeldet. Brenda will ihn in die praktische Anwendung der Spieltheorie einführen.”

“Ich bin sicher, sie will ihn noch in was anderes einführen.” Marx grinste anzüglich, doch das verschwand, sobald er Lutetias Gesicht sah. “Ich will auch mal nach Vegas. Ich denke, das ist eine Stadt nach meinem Geschmack.”

“Niemand hat was dagegen, wenn du nach Vegas fliegst. Nur wenn du wieder zurückkommst.”

“Ich mach mir später was. Ich glaub, ich vertrag nicht so viel traute Zweisamkeit. Übrigens George, du kannst dich wieder hinsetzen.” Marx verschwand mit einem Glas saurer Gurken.

“Und niemand hat versucht, Ruteledge zu helfen? Was für ein mieser Verein.”

“Es gab schon einige, aber…”

“Was aber? Erst applaudieren und dann fallenlassen, wie erklärst du dir das?”

“Mit sechshunderttausend Pfund.”

“Wie das?”

“Eine Spende. Die erste und einzige, die Norrington jemals locker gemacht hat. Das Krankenhaus bekam einen neuen Krebstrakt und niemand, der seinen Job behalten wollte, durfte Ruteledge helfen.”

“Das schafft ein ganzes Krankenhaus voll medizinischem Personal mit einem Motiv für den finalen Scherz.”

“Nicht nur die. Norrington war nicht sehr beliebt.”

“Das habe ich schon gehört. Außerdem geizig, oder?”

“Ja. Kennst du die kleinen Pfadfinderinnen, die ein oder zweimal im Jahr an die Tür kommen und Kekse verkaufen wollen? Er hat die Hunde auf sie gehetzt. Und er hat ihre Tageseinnahmen einkassiert. Als Entschädigung für unbefugtes Betreten seines Grundstücks.”

“Klingt, als ob er nicht viele Freunde hatte.”

“Nur die, die er sich kaufen konnte.” Lutetia beendete das letzte Pizzastück und stand auf.

“Ich glaube, es ist kein Verbrechen, einem Toten das Herz auszutauschen.”

“Doch. Störung der Totenruhe”, erwiderte George.

“Juristisch. Aber nicht kriminell. Nach dem, wie er gelebt hat, kann er froh sein, dass er einen natürlichen Tod gestorben ist.” Lutetia stand unschlüssig da und betrachtete das schwarze Basaltherz. “Ich glaube, ich hebe das auf”, sagte sie nach einer Weile. “Es macht sich gut auf meinem Schreibtisch.”

“Es ist Norringtons Herz.”

“Ganz sicher nicht.” Lutetia zögerte wieder. “Wo ist überhaupt sein richtiges Herz?”

“Bei so viel Pathetik wurde es wahrscheinlich an streunende Hunde verfüttert.”

Der nächste Vormittag begann für Kate Knightsbridge ganz normal. Das heißt, mit nicht mehr als dem üblichen Chaos. Kate war genetisch von ihrem Elternhaus mit einer ordentlichen Figur, wenig Verstand und der Unfähigkeit zum Nein-Sagen ausgestattet worden – was ihr sechs Kinder von neun verschiedenen Männern eingebracht hatte. Niemand wusste, wie das funktioniert haben sollte, aber diverse eheliche Treuegelöbnisse auf Seiten der Männer schützten Kate vor unangenehmen Nachfragen. Kate, die ihre Brut mit so viel Nachlässigkeit erzog, dass es an Ignoranz grenzte, war auf dem Weg zur Bank, um die monatlichen Alimentenzahlungen zu kontrollieren, als Lutetia ihr begegnete. Die lärmende Kinderschar wurde schlagartig still. Es gab Gerüchte, die jedes Kind in Borough kannte (Lutetia hatte die meisten davon selbst verbreitet.) . Außerdem hatte sie den großen Herd in der Burgküche reparieren lassen und es nicht versäumt, die Handwerker darauf hinzuweisen, dass der groß genug wäre, ein Kind darin zu braten.

Kate bekam davon nichts mit. Sie las die aktuelle Vanity Fair, Quell all ihrer Träume und Hoffnungen. Nichts in ihrem Leben hatte sie veranlasst, ihre Kleinmädchenfantasien aufzugeben. Sie träumte noch immer von rauschenden Festen in rauschenden Kleidern, die in einer rauschenden Matratze endeten und am nächsten Morgen nur die Erinnerung an einen Rausch hinterließen. Der Lärm der Realität erinnerte sie daran, dass meist etwas mehr als die Erinnerung zurückblieb.

“Ruhe ihr Bälger! Du da, nimm deine Schwester an die Hand! In Zweierreihen hintereinander!” Sie zerrte den Kinderwagen in eine neue Richtung. Nummer Sechs konnte noch nicht laufen, aber das würde sich schnell ändern – spätestens wenn Sieben den Platz im Kinderwagen beanspruchte; was in zwei Monaten der Fall sein dürfte. Kate sah nicht ein, zwei Wagen zu schieben, wenn einer reichte. Sie wollte nicht einmal einen schieben und stieß den Kinderwagen an damit er allein rollte und widmete sich einem Artikel über irgendwelche Filmfestspiele. Es ging ihr nicht um Kunst oder Filmkritiken, sondern die Roben der Stars und Sternchen auf dem roten Teppich. Sie stieß den Wagen wieder vorwärts. Kate betrachtete die Fotos in der tiefen Überzeugung, dass sie auf jeden Fall eine viel bessere Figur darin gemacht hätte. Sie inspizierte ein Dior-Kleid, das an Cate Blanchett herumschlackerte wie an einer Vogelscheuche und an Stellen herunterhing, die Kate optimal ausgefüllt hätte. Automatisch schubste sie den Kinderwagen wieder ein paar Meter vorwärts. Sie fragte sich, warum einige es zu Berühmtheit, Ansehen und Geld brachten, und sie nicht – eine der großen Ungerechtigkeiten des Lebens. Mit der Rechten stieß sie den Kinderwa… Da war kein Kinderwagen. Kate sah nach vorn. Die Straße war an dieser Stelle leicht abschüssig und das Gefährt hatte bereits Fahrt aufgenommen und holperte auf die Main Road zu. Aus den Geschäften auf beiden Seiten der Straße – dem Flanierzentrum Boroughs – sahen Kunden amüsiert dem verselbständigten Baby nach, aber keiner dachte daran, es aufzuhalten. Kate sah die Kreuzung, auf die der Kinderwagen zurollte, über die ungebremst Autos und Laster donnerten und kalkulierte blitzschnell. Für Baby Sechs – Klein-Harry – kassierte sie Alimente von drei potenziellen Vätern. Kate begann zu schreien.

Der Schrei gellte durch die Geräusche des vormittäglichen Einkaufgetümmels. Lutetia wirbelte herum und erfasste die Situation mit einem Blick. Sie rannte los. Aber sie wusste, selbst mit Höchstgeschwindigkeit wäre der Lieferant von Marcs & Spencers schneller – leider saß der in einem Vierzigtonner und war zu sehr mit dem Mobiltelefon beschäftigt, um den wildgewordenen Kinderwagen zu bemerken. Die Menschen registrierte sie als zu Salzsäulen erstarrte Gaffer. Die meisten hatten nicht begriffen, was los war, andere Gesichter glühten mit Vorfreude auf etwas Spannendes – die Erwartung von etwas Entsetzlichem, das jemand anderem zustoßen würde. Ein Blitzlicht flammte auf. Ein Mann löste sich aus der Menge. Sie konnte ihn nicht erkennen, denn er sprintete schnell und zielstrebig wie ein Gepard auf der Jagd auf das Kind zu. Der Mann musste ein Sprinter sein. Neben ihm schien es, als bewegten sich alle anderen in einer Atmosphäre aus Gelee. Er wäre eindeutig vor ihr und dem Vierzigtonner bei dem Kind. Sofort blieb Lutetia stehen – alles andere wäre Energieverschwendung gewesen. Der Kinderwagen war auf dem tiefsten Punkt seiner Fahrt stehengeblieben – mitten auf der Fahrspur. Klein-Harry schaute erwartungsvoll auf das große Auto, das sich ihm näherte. Ein kleines Babylächeln erschien auf seinem Gesicht, als Harry überlegte, wie er mit dem Ding spielen würde. Erst jetzt richtete der Fahrer den Blick wieder auf die Straße – und verlor schlagartig jede Farbe im Gesicht. Die Bremse kreischte, als er mit aller Kraft auf die Pedale stieg. Der Anhänger brach aus und fegte alles aus dem Weg. Noch zwei Meter.

Der Mann lief nicht mehr aufrecht. Er hatte, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu geben, den Kopf vorgestreckt und den Oberkörper immer weiter nach unten geneigt bis er einer Rakete im Zielanflug glich. An der Bordsteinkante sprang er, katapultierte sich nach vorn, zielte mit der Schulter auf den Kinderwagen, um ihn aus der Gefahrenzone zu stoßen wie ein Quaterback seine Gegner. Die Stoßstange war einen halben Meter entfernt, als es so weit war.

Klein-Harrys Babylächeln war in die Breite gewachsen, als der Kinderwagen eine unerwartete Beschleunigung erfuhr. Mit unglaublicher Wucht wurde das Gefährt zur Seite gedrückt und ohne den Sicherheitsgurt, mit dem Kate ihre Grundversorgung absicherte, wäre Harry des Trägheitsgesetzes wegen an Ort und Stelle geblieben.

Der Mann musste seinen Sprung entweder exzellent vorherberechnet oder keine sonderliche Angst vor dem Tod haben. Als Harry außer Gefahr war, fehlten noch fünf Zentimeter zum Aufprall. Aber er hatte einen Fehler gemacht. Lutetias Wahrnehmung lieferte Zeitlupenaufnahmen. Er musste ziemlich groß sein, einen Meter neunzig vielleicht. Zu lang, um das Baby und sich selbst außer Gefahr zu bringen. Lutetia konnte sehen, wie die Füße des in der Luft schwebenden Mannes weggedrückt wurden, wie sein ganzer Körper den gradlinigen Kurs änderte und einen Bogen beschrieb, der zu einem Kreis, einer Spirale und dann einem Schleudertrauma würde.

Als Marcs & Spencers taufrisches Gemüse nebst Transportmittel und Fahrer endlich zum Stehen kam, erschienen auch Baby und Retter wieder in ihrem Blickfeld. Der Mann stand unverletzt neben dem Kinderwagen, hielt das Baby im Arm und beruhigte es. Schlagartig kam wieder Leben in die Menschenmenge, die wie hypnotisiert dagestanden hatte – fast alle wandten sich wieder ihren Geschäften zu, als ob nichts geschehen wäre. Ein Passant beendete Kates immer noch gellende Schreie mit einer schallenden Ohrfeige, die sie in die Realität zurückholte. Kate schaute sich verwirrt um und musste feststellen, dass sie nicht mehr der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit war. Dafür entdeckte sie den Retter ihres Nachwuchses, der langsam auf sie zukam. Kate nutzte die Gelegenheit, sich mit den Fingern durchs Haar zu streichen, noch ein paar Falten in ihrem Kleid zu glätten und ein verführerisches Lächeln aufzusetzen. Aus den Augenwinkeln bekam Lutetia mit, dass Kate nicht die einzige Frau war, die sich so verhielt. Ein Blick auf die Erscheinung machte das verständlich. Der Mann sah kaum älter als vierzig aus. Sein braungebranntes Gesicht, die athletische Figur und ein Gang wie ein Tiger zeigten deutlich, dass er seine Tage nicht in einem langweiligen Büro verbrachte. Der Schnitt seines Anzugs trug eindeutige Anzeichen von Versace, seine Schuhe die Musterung eines Krokodils und seine Hände keine Zeichen von Ringen, dafür aber von Maniküre. Die Nonchalance, mit der er Klein-Harry im Arm hielt, bewies, dass er gut mit Kindern umgehen konnte – die ideale Basis für eine Familie. Graue Haare an den Schläfen machten ihn auf eine Art interessant, für die Frauen alles vergessen konnten. In Kates Fall sieben Kinder.

“Hallo, ich bin Kate”, sagte sie mit einer Stimme, die zu einer nur mit Federboa bekleideten Frau in einem Nachtklub passen würde.

“Ich weiß. Und das ist Ihr Baby.”

“Wer ist mein Baby?” Klein-Harry hatte sich an seinen Retter angekuschelt und döste. Kate war unschlüssig, was sie mit dem Kleinen machen sollte.

“Wollen Sie ihn nicht wiederhaben?” Kate nickte. Verwirrt. Sie brachte Baby und Klein-Harry nicht in Verbindung. Als sie keine Anstalten machte, das Baby zu nehmen, legte ihr der Mann vorsichtig das Kind in den Arm.

“Wie kann ich Ihnen nur danken?” gurrte sie.

“Gar nicht. Es ist nicht nötig.”

“Doch! Ich würde wirklich alles für Sie tun”, sagte Kate mit verheißungsvoller Stimme.

“Wirklich alles?”

“Wirklich alles!” Die Nachtklubfrau hatte die Federboa von sich geworfen.

“Würden Sie in Zukunft besser auf Klein-Harry aufpassen?” Ein Eimer kaltes Wasser hätte keine bessere Wirkung haben können.

“Ich kümmere mich hervorragend um meine Kinder!” zischte Kate. “So ein Unfall kann jedem mal passieren.”

“Aber natürlich. Ich bin sicher, es kommt hier jeden Tag vor.” Noch bevor Kate antworten konnte, drehte sich der Mann um und ging.

“Eingebildeter Lackaffe! Hey, Sie haben den Kinderwagen kaputt gemacht! Haben Sie das gesehen?” wandte sie sich an einen der Polizisten, die gerade eingetroffen waren um den Unfall aufzunehmen. “Der Kerl da hat meinen Kinderwagen zerstört! Ich hoffe, den ersetzt mir jemand!”

“Könnten Sie uns erzählen, was genau hier passiert ist?”

“Aber klar. Also dieser Kerl…”

“Welcher Kerl?”

“Na dieser da…” Kate zeigte in die Richtung, in die der Fremde gegangen war. Aber dort war niemand mehr.

Auch Lutetia hatte darauf verzichtet, der Polizei für ihre Ermittlungen zur Verfügung zu stehen. Ihr Ziel war die örtliche Bibliothek – besser gesagt der Landesbibliothekskatalog wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Als Lutetia die Bibliothek betrat, thronte Peaches Cavanaugh wie immer hinter ihrem Schreibtisch. Die Bibliothekarin hatte Umfang und Gewicht seit Lutetias letztem Besuch verdoppelt – was ganz in Ordnung war. Denn nachdem Lutetia sie damals vollkommen korrekt als menschliches Nilpferd bezeichnet hatte, hegte Peaches einen irrationalen Groll gegen sie. Nun war die Bibliothekarin aber zu fett um wahr zu machen, was sie damals versprochen hatte: Lutetia sämtliche Knochen in ihrem dürren Spießerkörper zu zerbrechen und ihren spitzen Spießerarsch in den Boden zu rammen. Der Schreibtisch bebte, als Peaches versuchte, bei Lutetias Anblick die darunter eingequetschten Fettmassen zu befreien.

“Bleiben Sie ruhig sitzen, ich brauche den Bibliothekskatalog.”

“Nur für Mitglieder!” fauchte Peaches.

“Ich weiß.” Lutetia setzte sich an den Computer und startete das Programm, mit dem sie die Daten aller Veröffentlichungen des Landes abrufen konnte. George war ein lieber Mensch – und genau das war sein Problem: er neigte dazu, das Gute im Menschen zu sehen und an seine Unschuld zu glauben. Aber Ruteledge war Arzt – sogar Chirurg – und hatte ein Motiv. Die Tatsache, dass er verreist war, als Norringtons Hauptmotor ausgetauscht wurde, konnte in die Kategorie gefälschte Alibis fallen. Nicht, dass Lutetia Einwände gegen diese Aktion hatte – niemand verlor dabei sein Leben – aber George bekam Albträume von Kunden, die fragten, wo ihre Herzen / Arme / Beine / andere Organe geblieben waren. Selbst Bestatter nahmen ihren Job ernst.

Lutetia starrte auf den Bildschirm, wo immer noch der Versuch eines Verbindungsaufbaus gemeldet wurde. Aus Richtung Peaches kamen keine weiteren Anzeichen von Aktivität. Der Versuch aufzustehen hatte sie zu viel Kraft gekostet.

“Ich brauche Ihren Leseausweis.”

“Ich habe keinen.”

“Dann sind Sie kein Mitglied.” Der obere Rand der Suchmaske erschien auf dem Bildschirm. Borough war an die Außenwelt mit drei erbärmlich schlechten Ausfallstraßen und einer analogen Telefonleitung aus dem Jahr 1927 angeschlossen – der Frühjahrsregen unterspülte regelmäßig die Verkehrsverbindung und falls ein Baggerfahrer einen schlechten Tag hatte, konnte er mit einem einzigen Schaufelhieb Borough informationstechnisch ins Mittelalter zurückbefördern. Die Bits marschierten einzeln durch die Leitung.

“Sie müssen hier rüberkommen und einen Ausweis beantragen.” Lutetia dachte nicht daran, in Cavanaughs Reichweite zu gehen. Der Ladebalken verschwand endlich. Lutetia tippte Ruteledge, Dave in das Feld für Autor ein und drückte Enter. Ein paar Sekunden später erschien die Meldung: “Ihre Anfrage wird bearbeitet. Das kann einige Minuten dauern.”

“Sind Sie schwerhörig? Sie müssen einen Ausweis beantragen!” Lutetia seufzte. Wenn sie Peaches weiter ignorierte, würde die Bibliothekarin zu ihr kommen. Falls sie dann noch auf dem Bildschirm Ruteledges Namen las, würde es innerhalb kürzester Zeit wilde Gerüchte in Borough geben – egal welchen Inhalts. Lutetia stand auf die ging zu Peaches rüber.

“Wo ist der Antrag?”

“Hier”, sagte Peaches und lächelte wie ein Krokodil. Der Antrag lag halb unter dem gewaltigen Busen begraben. Wenn Lutetia nahe genug an die Bibliothekarin heranginge, würden ihre gewaltigen Arme zuschnappen – mit der gleichen Wirkung auf Lutetia wie der Bügel einer Mausefalle auf die Maus, die sich zu nah an den Speck wagt.

“Ich habe keinen Stift mit”, sagte Lutetia und zog den Besucherstuhl aus Peaches Reichweite. “Warum stellen Sie mir nicht einfach die Fragen und ich sage Ihnen, was Sie reinschreiben wollen.”

“Bin ich Ihre Sekretärin? Vielleicht haben Sie in Ihrer Burg haufenweise Personal, aber hier nicht.” Auf dem Bildschirm: immer noch die Pausenmeldung. Lutetia lächelte. Peaches sah ein, dass sie keine Chance hatte.

“Name?”

“Stubbs, Lutetia.”

“Bescheuerter Name.”

“Einem bescheuerten Charakter vorzuziehen.” Lutetia lächelte unbeirrt weiter.

“Alter?”

“Achtzehn.” Peaches schnaubte verächtlich.

“Klar. Zum wievielten Mal?”

“Zum ersten Mal.”

“Familienstand?” Peaches wartete nicht erst auf eine Antwort. “Ledig. Wer will schon so einen dürren Spießerarsch in seinem Bett haben.” Lutetia ignorierte den Kommentar.

Auf dem Monitor baute sich die Ergebnisseite auf. Zeilenweise.

“Adresse?”

“Borough. Die Burg.”

“Postcode?”

“Der ist mir gerade entfallen.”

“Tut mir Leid. Ohne vollständig ausgefüllten Antrag kann ich keinen Benutzerausweis ausstellen.”

“Dann sollte ich wohl da drüben den Computer ausschalten und die Bibliothek auf dem schnellsten Weg verlassen.”

“Genau.” Peaches grinste breit. Lutetia ging zum Rechner.

Dave Ruteledge hatte nur eine wissenschaftliche Veröffentlichung in seiner Karriere aufzuweisen. Seine Doktorarbeit trug den Titel: Cardiovaskuläre Eingriffe und Transplantationen in Krisensituationen. Oder übersetzt: Wie schneide ich jemandem das Herz raus.

Das war kein guter Tag. Schon als er die Augen aufschlug, hatte er es gewusst und seitdem war es rasant schlechter geworden. Sam Spade schlurfte mit dem alten Koffer in der Hand durch den kleinen Flur seiner Wohnung. Der Taxifahrer hatte erst gehupt und dann Sturm geklingelt, bis Sam ein Küchenmesser aus der Schublade nahm und mit einem gezielten Wurf die Klingel ins Jenseits schickte. Das ging schneller als die ganze Wohnung zu durchqueren, die Tür zu öffnen und den Sturmklingler ins Jenseits zu schicken, obwohl ihm das im ersten Augenblick mehr zusagte. Sam stöhnte, als eine neue Schmerzwelle durch seinen Körper jagte. Er hätte es auch vorgezogen, das Küchenmesser zu nehmen, selbst seinen Bauch aufzuschneiden und das krebsverseuchte Stück Darm zu entfernen. Das würde schneller gehen als erst ins Krankenhaus zu fahren und sich dort einer Horde wildfremder Menschen auszuliefern. Er schluckte Luft, pumpte seine Lungen voll damit und drängte die Schmerzen mit dem Überdruck zurück. Sam hatte gelernt, seinen Körper zu beherrschen.

“Ich komme!”, brüllte er, als er wieder normal atmen konnte. Der Sturmklingler war jetzt ein Sturmklopfer geworden. Eine Begegnung mit einem Sturmgewehr würde ihm ganz gut tun. “Einen Moment!” Jetzt klingelte auch noch das Telefon.

“Ja”, bellte er in die Sprechmuschel.

“Hallo Dad. Alles in Ordnung? Geht’s dir gut?”

“Alles bestens, Miranda. Könnte nicht besser gehen.”

“Ich kenne dich.”

“Willst du mich an den Lügendetektor anschließen?”

“Dad.” Sie benutzte denselben Ton wie als Sechsjährige. Ein langgezogenes Daaaaaad, das in seinen Grundschwingungen alles enthielt: ich will doch nur dein Bestes, mach es mir doch nicht so schwer, warum machst du es mir so schwer, sei vernünftig, ich habe dich doch lieb. “Ist das Taxi da?”

“Der Fahrer versucht schon die Tür einzuschlagen.”

“Hast du alles gepackt? Zwei Schlafanzüge, ein Trainingsanzug, etwas zu lesen, Waschlappen, Handtücher, Zahnbürste, Zahnpasta…”

“Ja, Sir.”

“Dad, du wirst zynisch. Außerdem ist Madam die korrekte Anrede.”

“Miranda, ich kann durchaus noch ein oder zwei Dinge selbstständig erledigen.”

“Ja Dad. Melde dich, sobald du mit dem Arzt gesprochen hast und erzähl mir, was er gesagt haben.”

“Lass mich doch gleich vom MI5 überwachen.”

“Ich krieg die Ausgaben nicht genehmigt. Außerdem darf ich meine Leute nur im Ausland einsetzen.”

“Wolltest du mich deshalb in dieser Klinik in Frankreich behandeln lassen?”

“Ja.” Sam stutzte.

“Du wirst zynisch.”

“Ich hatte einen großartigen Lehrer. Dad, ich liebe dich.”

“Ich war nie krank, bevor du mich zu diesem Arzt geschickt hast. Jetzt habe ich Krebs.”

“Ein Darmgeschwür. Das ist noch kein Krebs. Und es bestehen sehr gute Heilungschancen.”

“Wenn du das sagst”, sagte Spade und legte auf. Der Taxifahrer fing wieder an zu klopfen. Vielleicht sollte er sich mal seine Pfote in der Tür einklemmen. Sam lächelte grimmig.

“Dein Bild ist in der Zeitung”, bemerkte George beim Frühstück. Lutetia saß am Tisch, vor frisch gebackenen Brötchen und Croissants. Sie bevorzugte das kontinentale Frühstück gegenüber der zu Extremen neigenden englischen Küche. Die volle Ladung Schinken, Eier und Würstchen war auf die Dauer ungesund, Porridge auf die Dauer ungenießbar.

“Zeig mal.” Der Fotograf hatte den besten Moment festgehalten: Das Titelbild zeigte den Fremden mitten im Sprung, den Kinderwagen schon zur Seite gestoßen, selbst nur noch Zentimeter vom LKW entfernt. Kate Knightsbridge stand links im Vordergrund, die Hände in einer theatralischen Geste vor das Gesicht geschlagen. Von sich selbst konnte Lutetia keine Spur entdecken.

“Da bist du.” George deutete auf einen schwarzen Fleck am Rand des Fotos, kaum mehr als vier oder fünf Pixel groß. Es konnte auch ein Druckfehler sein.

“Du übertreibst, George.”

“Es würde hinkommen. So wie du es beschrieben hast, hat der Fotograf hinter dir gestanden und ein Weitwinkel benutzt. Wahrscheinlich wollte er die Straße oder ein paar Häuser fotografieren.” Lutetia überflog den Artikel. Für Borough kam der Zwischenfall gestern einer Jahrhundertstory gleich, deshalb nahm das Foto die obere, der Text die untere Hälfte der Seite ein (Mit weiteren Kommentaren und Hintergrundinformationen auf den Seiten drei, fünf und elf.) . Der Reporter hatte den Vorfall minutiös beschrieben – und dabei nicht einmal übertrieben. Nur an einer Stelle stutzte Lutetia.

“Sieh dir das Foto an, George.” Lutetia tippte mit dem Finger auf eine Stelle. “Wie alt schätzt du diesen Mann?” Mit der gleichen Amüsiertheit wie bei ihrer ersten Begegnung beobachtete Lutetia, wie George seine Stirn in Falten legte und angestrengt nachdachte. Selbst die Frage, ob er sein Frühstücksei weich oder hart haben wollte, durchdachte er gründlich und ernsthaft.

“Mitte vierzig. Anfang fünfzig vielleicht. Auf jeden Fall fit und sehr sportlich.”

“Hier steht, Doktor Bernhard Ingelheim ist achtzig.”

“Steht da auch, in welches Fitnessstudio er geht?”

“Das ist lächerlich. Ich wünschte, diese Zeitungsschreiber wären etwas sorgfältiger bei ihren Recherchen. Kennst du ihn?” George schüttelte den Kopf.

“Nein. Es gibt auch keine Ingelheims auf dem Friedhof.” Lutetia schlug die Zeitung auf Seite fünf auf – dort wurden Hintergrundinformationen zu dem geheimnisvollen Doktor versprochen. Wie es aussah, war Ingelheim ein Mann vieler Geheimnisse und hatte für den Artikel kein einziges gelüftet. Sein Gesicht sah den Leser aus einem grobkörnigen Foto mit dem angestrengten Ausdruck eines Mannes an, der gerade durch die Luft springt. Darunter standen acht Zeilen Text.

Doktor Bernhard Ingelheim, der Held des gestrigen Tages, kam vor einigen Jahren nach Borough. Der Mediziner, der am 9. Mai 1922 in Kutzschenbach (Deutschland) geboren wurde, promovierte an der medizinischen Fakultät des Royal College London und feierte in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag. Dr. Ingelheim lebt und arbeitet sehr zurückgezogen und gilt als äußerst bescheiden. Er selbst empfand es als unangebracht, “um die Sache viel Aufhebens” zu machen, als ein Reporter dieser Zeitung ein Interview mit ihm führen wollte.

“Wie geht es weiter?”

“Gar nicht. Das war alles.”

“Nicht viel.”

“Um genau zu sein, nichts, was man nicht aus dem Melderegister, Wählerlisten und durch einen Anruf bei der Wissenschaftlichen Akademie herausbekommen könnte. Ingelheim ist wirklich sehr zurückgezogen.”

“Vielleicht ist achtzig ein Alter, in dem man nicht mehr viel Aufregung haben möchte.”

“Wenn man nur halb so alt aussieht und wie eine Heuschrecke durch die Gegend hüpft?”

“Nichts davon ist ein Verbrechen.” Lutetia hörte in Georges Stimme den leisen Vorwurf.

“Keine Angst, ich werde ihn in Ruhe lassen. Wofür hältst du mich?”

“Für einen Kontrollfreak.” Das verschlug ihr die Sprache. “Du versuchst immer alles zu bestimmen und erwartest, dass sich jeder an deine Kommandos hält.”

“Was für alle das Beste ist.”

“Zweifellos.” Georges Gesicht war blank. Nicht der geringste Hintergedanke ließ sich darin ablesen.

“Was ist schlimm daran?”

“Nichts.” Seine Zurückhaltung sprach Bände.

“Als ob ich ein Kontrollfreak wäre. Übrigens geht es mir nicht gut. Ich werde zum Arzt gehen.”

“Zu Ingelheim?” Georges Worte kamen automatisch. Lutetia sah ihn scharf an.

“Natürlich nicht. Ich habe dir gesagt, dass ich ihn in Ruhe lasse. Ich gehe zu Ruteledge.”

Ruteledges Wartezimmer war zusammen mit den drei anderen Patienten hoffnungslos überfüllt. Ruteledge behandelte im umgebauten Wohnzimmer des Reihenhauses, in das er gezogen war, nachdem er seine Villa gegen eine adäquate Menge Whisky eingetauscht hatte. Nach den Gerüchten war es erst Eva Sparrow gewesen, die ihn aus der Gosse gezogen hatte und die für den größeren Teil des Einkommens sorgte. Für das Selbstbewusstsein eines solchen Mannes reinstes Gift. Sie hatte sich kaum hingesetzt, als die Tür zum Behandlungszimmer aufging. Ruteledge stand selbst im Türrahmen.

“Nächster”, bellte er und ließ einen Blick über die Anwesenden streifen. Bei Lutetia stutzte er. Dann betrachtete er noch einmal die drei anderen.

“Smitters, was ist mit dir?”

“Ich hab so’nen Hämmern im Schädel.” Ruteledge beugte sich vor und sog scharf Luft ein.

“Du hast wieder gesoffen. Verpiss dich und schlaf deinen Rausch aus.”

“Aber mein Kopf…”

“Ist die gerechte Strafe. Ich hab dir gesagt, lass den billigen Fusel.”

“Was besseres kann ich mir nicht leisten…!”

“Dann lass das Saufen. Das ist umsonst. Was ist mit dir, Bonks?”

“Arbeitsunfall. Hab mir auf den Finger gehauen.”

“Absichtlich?”

“Natürlich nicht! Sonst wär’s kein Unfall gewesen.”

“Dann war’s Dummheit. Dagegen habe ich nichts.”

“Und was soll ich tun?”

“Nimm dir einen Eimer Eiswürfel und schütte dir die Ladung in die Hose.” Bonks schaute den Arzt ungläubig an.

“Hilft das?”

“Du wirst den Finger überhaupt nicht mehr spüren.” Zusammen mit Bonks erhob sich der dritte Anwesende.

“Was ist los, Havers?”

“Ich fühle mich schon viel besser, Doc. Machen Sie sich bloß keine Mühe.”

“Hatte ich nicht vor.” Nachdem sich die Tür hinter den beiden Männern geschlossen hatte, wandte sich Ruteledge an Lutetia.

“Glauben Sie, dass Ihnen ein Eimer Eiswürfel hilft?”

“Nein.”

“Dann kommen Sie rein.”

Das Behandlungszimmer war so eingerichtet, dass Ruteledge es nach Sprechstundenende auch als Wohnzimmer nutzen konnte. Eine Hälfte war weiß gestrichen, zum Teil auch gekachelt, mit spartanischen Möbeln ausgestattet, auf denen ein Patient so wenig wie möglich Zeit verbringen wollte, und stellte die medizinische Seite des Raumes dar. Die andere Seite war mit Teppich ausgelegt und ein großes, recht gemütliches Sofa war so positioniert, dass man darauf liegen und fernsehen konnte, ohne den Arbeitsbereich zu sehen. Genau an der Grenze zwischen beiden Bereichen stand in einem Glaskasten eine volle Whiskyflasche, darüber kündete ein weißes Viereck von einem Bild, das dort nicht mehr hing.

“Meine letzte”, sagte Ruteledge, der Lutetias Blick gefolgt war. “Ich hatte mal Probleme damit, wie Sie wahrscheinlich schon gehört haben.” Lutetia zuckte mit den Schultern.

“Sie haben eine eigenwillige Art, mit Patienten umzugehen.”

“NHS-Hausarzt zu sein ist so ziemlich die niedrigste Jobstufe, die man in diesem Land haben kann. Mein erster Patient klagte über Sehstörungen! Weiße Flecken, überall wo er hinsah. Meine Behandlung bestand im Putzen seiner Brille – und das war einer der anspruchsvollen Fälle. Die drei da draußen kommen alle zwei bis drei Tage. Der eine ist scharf auf die Flasche an der Wand, der nächste will nicht arbeiten und der letzte schützt sich mit seinen Krankheiten davor, von seiner Frau verprügelt zu werden. Und was haben Sie?”

“Herzrhythmusstörungen.”

“Eine fachlich fundierte Selbstdiagnose. Wozu brauchen Sie mich überhaupt noch?” Ruteledge suchte in einem Schrank hinter sich nach Handschuhen und einem Stethoskop. “Machen Sie sich frei, ich höre mir das mal an.” Als er sich wieder umdrehte, saß Lutetia genauso da wie vorher.

“Ich muss Sie abhören und abtasten. Dazu muss Ihr Oberkörper frei sei. Keine Angst, ich bin Arzt. Ich tue Ihnen nichts.”

“Und ich muss jedem die Arme brechen, der mich anfasst. Ich bin Psychopath, ich tue Ihnen was.” Ruteledge zögerte einen Moment. “Und ich habe eine private Krankenversicherung.” Jetzt entspannte er sich.

“Wie wäre es mit einem Kompromiss: Sie behalten Ihre Sachen an, dafür brechen Sie mir nicht die Arme, wenn ich Sie abtaste?”

“Damit kann ich leben.”

“Ich hoffe, ich auch.” Ruteledge näherte sich behutsam. Er hielt sein Stethoskop wie einen Talisman vor sich. “Tief einatmen. Und aus.” Es dauerte fünf Sekunden, bis Ruteledge Lutetia nicht mehr als Menschen wahrnahm, sondern als Ansammlung von Muskeln, Sehnen, Adern und Knochen, die irgendwie zusammenspielten. Er hielt sich nicht mehr damit auf, Anweisungen zu geben, sondern drückte und schob Lutetia in die Position, die er brauchte. Lutetia überlegte, was passieren würde, wenn sie dem Mann ihren Ellenbogen in die Seite rammen würde. Wahrscheinlich nicht viel – sie konnte spüren, dass der Mann immer noch in Topform war.

“Warum sind Sie in Borough geblieben?” Ruteledge grunzte unwillig. Eine Ansammlung von Muskeln, Sehnen, Adern und Knochen sollte nicht reden. Außer sie war privat versichert.

“Besser ein mieser Job als gar keiner. Das war damals ganze Arbeit, ich hätte nirgendwo eine Chance gehabt.”

“Muss hart sein, jeden Tag jemanden wie Norrington zu sehen.”

“Es erfordert eine Menge Selbstbeherrschung. Nach links beugen.” Lutetia biss die Zähne zusammen, als Ruteledge sie in Position drückte.

“Wenns weh tut, heilts.”

“Ich wusste gar nicht, dass ich krank bin.”

“Warum sind sie dann hier?” Ruteledge kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück und schrieb ein paar Zeilen auf eine leere Krankenakte. Dann zeichnete er eine kleine Kurve unter den Text, versah diese mit einigen Zahlen und murmelte vor sich hin. Nur Show, war Lutetia überzeugt. Dann räusperte er sich.

“Das Ergebnis ist eindeutig. Herzinsuffizienz. Ich empfehle eine Transplantation.”

“Einfach so?” Ruteledge zuckte nur mit den Schultern.

“Es ist eine komplizierte OP, aber mit dem Geld von Ihrer Krankenversicherung könnte ich ein Jahr lang gut leben. Sie sind übrigens ein schlechter Hypochonder.”

“Ich bin kein Hypochonder.”

“Ich weiß. Ein echter Hypochonder wäre mir zu Füßen gefallen, wenn ich eine schwere Krankheit bei ihm diagnostiziert hätte. Er würde nach Überlebenschance und Therapien fragen und nicht die Diagnose anzweifeln.”

“Wie gesagt, ich bin kein Hypochonder. Ich bin tatsächlich besorgt über meine Gesundheit.”

“Dazu besteht kein Grund. Ihr Herz ist ganz in Ordnung. Für die nächsten fünfzig, sechzig Jahre wird es ausreichen.”

“Nur? Vielleicht sollte ich mir doch ein neues transplantieren lassen.”

“Sie hätten kaum Chancen. Für Herzen gibt es Wartelisten, die länger sind als eine Klopapierrolle.”

“Das ist kein Problem. Ich hätte eins in Reserve – schwarz. Aus Basalt.” Ruteledge zeigte nicht die geringste Reaktion.

“So eins habe ich auch. Es nützt bloß nichts.”

“Darf ich es mal sehen?”

“Warum? Sie können doch Ihr eigenes bestaunen.” Vielleicht brauchte Ruteledge Zeit, um nervös zu werden.

“Ich danke Ihnen für Ihre Mühen.”

“Kein Problem. Falls Sie es sich mit der Transplantation überlegen, sind Sie jederzeit herzlich willkommen. Ich würde sogar Ihr Basaltherz einsetzen. Verdammt haltbar, das Zeug.”

“Schon mal eingesetzt?”

“Nicht wenn ich nüchtern war. Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie helfen?”

Lutetia verließ die Praxis mit dem unguten Gefühl, nichts erreicht zu haben. Der Mann ließ sich nicht in die Karten sehen – was bewies, dass er etwas zu verbergen hatte. Und dennoch hatte er sich bemerkenswert gut gehalten – Lutetia hatte auf körperliche Anzeichen von Nervosität geachtet: feuchte Fingerspitzen, eine etwas höhere Atemfrequenz, beschleunigter Puls. Nichts von dem war bei Ruteledge zu bemerken. Und das, obwohl sie die ganze Zeit ein Thema behandelten, bei dem er hätte nervös werden müssen.

Als sie sich noch einmal umdrehte, stand Ruteledge am Fenster und sah ihr nach.

“Er war es.”

“Schuldig im Sinne der Anklage?”

“Eindeutig.”

“Und was sagt dir das?”

“Meine weibliche Intuition.” George sagte nichts. “Er hat zugegeben, dass er ein Basaltherz hat. Und er hat sich geweigert, es mir zu zeigen.”

“Und das macht ihn schuldig?”

“Er hat sich nicht wie ein Unschuldiger verhalten.”

“Das tun die wenigsten. Ich glaube nicht, dass er es war.”

“Wieso das?”

“Männliche Intuition.”

“Männer haben keine Intuition.”

“Er war immer freundlich zu mir.”

“Freundlich zu dir zu sein schließt nicht aus, hässlich zu anderen zu sein. Ich werde versuchen, noch etwas über das Basaltherz rauszubekommen. Es scheint eine Trophäe oder etwas in der Art zu sein.”

“Die Werte passen perfekt.”

“Dann wird die Operation ein voller Erfolg?”

“Ohne Zweifel.”

“Und keine Metastasen in der Leber?”

“Nein. Nur das Hauptgeschwür im Dünndarm.”

“Dann hat Mr Spade eine rosige Zukunft vor sich, Doktor.”

“Zumindest seine Leber.”

Wo anfangen zu suchen? Diese Frage stellte sich Lutetia, als sie die Familienbibliothek betrat. Seit Familie Stubbs vor sechs Monaten in die Burg von Borough gezogen war, hatte Lutetia noch nicht genug Zeit gehabt, alle Bücher durchzusehen, aber sie zweifelte, dass sich die Suche lohnen würde. Es gab kaum Bücher über das Thema ‘Menschen, denen Basaltherzen implantiert wurden’ – zumindest nicht hier. Wenn dieses Herz aber kein Unikat war, dann gab es wahrscheinlich irgendwo einen Hinweis darauf, was es zu bedeuten hatte. Lutetia ging zu dem Regal, in dem der Stein jetzt sein Dasein als Buchstütze fristete. Die Oberfläche war makellos, bis auf die kleine Absplitterung. Lutetia kniff die Augen zusammen. Wenn es kein versehentlicher Schaden wäre, sondern jemand etwas entfernen wollte – sie holte sich aus dem Schreibtisch ein Vergrößerungsglas, mit dem ein früherer Burgherr seine Briefmarkensammlung kontrolliert hatte, und sah sich die Stelle genauer an.

Am Rand, kaum dicker als ein Haar, gab es eine Furche, die nicht zur Oberflächenstruktur eines Herzens gehörte. Ein winziger Splitter Goldlack füllte sie aus. Das Ganze war zu klein, um mit bloßem Auge gesehen zu werden. Diesen Stein hatte niemand fallen lassen. Hier hatte jemand den einzigen Hinweis weggemeißelt, den es auf den Ursprung des Herzens gab. Es musste jemanden geben, der alles über Ruteledges Vergangenheit wusste. Jeden Klatsch, jeden Tratsch, wo er herkam und wo er hinging. Was er wann gemacht hatte. Drei Gesichter erschienen vor Lutetias geistigem Auge. Das dritte war verheißungsvoll: Havers hatte Respekt vor Frauen.

Georg kannte die Adresse von Tom Havers aus dem Kopf. Jetzt stand Lutetia vor dem heruntergekommenen Haus in einer Gasse, die selbst Straßenköter mieden. Die Tür machte nicht den Eindruck, als würde sie Eindringlinge wirklich aufhalten. Sie machte aber auch nicht den Eindruck, als ob sich dahinter etwas befinden würde, was ein Eindringen wert war. Lutetia klopfte und die Tür schwang auf. Mit einem Schulterzucken betrat sie die Wohnung. Und fing einen Teller auf, den jemand nach ihrem Kopf warf.

Am ersten Abend im Casino war Harold nicht zum kleinsten Spielchen zu bewegen gewesen – unverständlich für Brenda, die im Reisebudget siebenundachtzig Pfund und dreiundzwanzig Pennies für solche Vergnügungen eingeplant hatte. Harold stand nur da, sah den Spielern zu und ließ sich über die mathematischen Unzulänglichkeiten der verschiedenen Glücksspiele aus. Bis sie zum Rouletttischen kamen. Dann stand er nur noch da. Und beobachtete.

Am zweiten Abend war Harold nicht zu bewegen gewesen, dass Zimmer zu verlassen. Als Brenda ihn abholen wollte, war der Raum bereits unter einer Decke Papier begraben, der Harold pedantisch Blatt um Blatt hinzufügte.

“Was machst du da?” fragte Brenda.

“Notizen”, hatte Harold kurz geantwortet. Und dabei war er so geistesabwesend, dass er Brenda nicht als Person wahrnahm, sondern nur als irgendein störendes Objekt.

Am dritten Abend war Harold mit einem Aktenordner voller Notizzettel so entschlossen ins Casino gestürmt, dass Brenda Mühe hatte, ihm zu folgen. Am Rouletttisch setzte er kleine Beträge, trug die Ergebnisse in seine Tabellen ein, radierte Einträge aus und änderte etwas an seinen Formeln. Als beide nach einem langen Abend – der eigentlich schon ein früher Morgen war – ins Hotel zurück wankten, hatte Brenda gehofft, dass diese Phase vorüber und Harold nun endlich für etwas Kultur – zum Beispiel dem Besuch einer dieser vielen kleinen Kapellen – zu gewinnen wäre. Sie hatte sich geirrt.

Harold wollte am vierten Tag das Bett nicht verlassen. Dagegen hätte Brenda nichts einzuwenden gehabt, aber sie lag nicht mit drin. Brenda war zwar sicher, dass Harold sie liebte – auf seine seltsame Haroldsche Art – aber er war ein sehr altmodischer Mann. Solange sie nicht verheiratet waren, gab es keine Aussicht auf ein gemeinsames Zimmer. Und sämtliche Bemühungen Brendas, den Familienstatus ändern, waren bisher fehlgeschlagen.

“Harold, es ist bereits nach zehn Uhr! Steh auf!”

“Ich muss heute Nacht fit sein!” Brenda zögerte kurz, aber da Harold wahrscheinlich für andere Sachen fit sein wollte, als ihr vorschwebten, hämmerte sie wieder mit der Faust an die Tür.

“Harold!” Die Tür zum Nebenzimmer ging auf und ein verkatertes Gesicht glotzte auf den Flur.

“Ja?” blubberte es.

“Was sind Sie?”

“Harold. Könnten Sie jetzt mit dem Lärm aufhören?”

“Sie sind nicht Harold.”

“Gott sei Dank.” Bevor Brenda entschieden hatte, ob es sich dabei um eine Beleidigung handelte, schloss sich die Tür wieder. Aus Harolds Zimmer war nichts zu hören. Brenda hatte gegen die Tür getrommelt bis die Gefahr bestand, dass der auftauchende Sicherheitsbeamte drohte, sie nicht nur höflich zu beruhigen, sondern achtkantig aus dem Hotel zu werfen.

“Du siehst bezaubernd aus, meine Liebe.” Brenda betrachtete Harold misstrauisch. Sie wusste, dass sie bezaubernd aussah – im Laufe des Tages hatten ihr eine handvoll Verkäufer genau dasselbe gesagt. Sie trug ein Kleid, dass an ihr weibliche Reize zur Geltung brachte, die ihr Körper gar nicht hatte und mehr Geld kostete, als sie mit ihrem offiziellen Putzfrauenjob in neunzehn Monaten und siebzehn Tagen verdient hätte. Harold selbst sah nicht wie der typische Casinobesucher aus. Er hatte gehört, dass Casinos nur in Anzug und Krawatte betreten werden durften und diesem Umstand mit einer bunten Mischung genüge getan. Brenda sah das Muster einer Zifferntastatur durch den Stoff gedrückt.

“Technische Hilfsmittel sind im Casino nicht gestattet.”

“Wieso das?”

“Weil sich die Betreiber vor zu glücksverwöhnten Besuchern schützen wollen.” Harold biss sich auf die Lippe.

“Ich habe den ganzen Nachmittag benötigt, um den Rechner zu programmieren. Ist etwas gegen Papier und Bleistift einzuwenden?”

“Ich glaube nicht.” Harold erschien ein paar Minuten später wieder an der Tür. Diesmal hielt er zwei breite Aktenordner in den Händen und einen dritten unter den Arm geklemmt. Jede verfügbare Tasche war mit Stiften und Notizzetteln zugestopft. Brenda seufzte.

“Es ist ein Spiel, Harold. Man geht ins Casino um sich zu vergnügen.”

“Unsinn. Glücksspiel ist eine ernste Sache. Ich wundere mich, dass man überhaupt Amateure dafür zulässt.”

“Ich setze Ihnen diese Maske auf. Atmen Sie tief ein und denken Sie an etwas schönes, Mr Spade.”

“Wüsste nicht an was”, murmelte Spade schläfrig. Die Beruhigungspille, die ihm die Schwester vor einer halben Stunde gegeben hatte, war eher ein K.O.-Mittel.

“Ihr Leiden wird gleich vorbei sein.”

“Hoffen wir das beste.”

“Ganz sicher.” Und als Spade sich nicht mehr sicher war, ob er noch wach war oder schon träumte, hörte er: “Leben Sie wohl.”

Ein seltsamer Abschied vor einer erfolgreichen Operation, fand Spade.

“Rien ne va plu. Nichts geht mehr.” Harold lehnte sich entspannt zurück. Seine Formel hatte ergeben, dass diese Kugel auf der Dreizehn landen würde – deshalb hatte er sämtliche bunte Plastikscheibchen auf dieses Feld geschoben. Brenda, die hinter ihm stand, verbarg ihre schweißfeuchten Hände hinter dem Rücken – die Scheibchen hatten einen Wert von siebenundsechzigtausenddreihundertfünfundachtzig Dollar. “Diese Spieltheorie ist sehr interessant”, bemerkte Harold. “Ich hatte natürlich schon davon gehört, aber mir wäre nie in den Sinn gekommen, mich als ernsthafter Wissenschaftler damit zu beschäftigen.” Brenda bekam nur die Hälfte der Worte mit. Statt dessen ließ sie die Kugel keinen Sekundenbruchteil aus den Augen. Noch immer drehte das verdammte Ding im Roulett seine Runden. Brenda besaß nicht Harolds Selbstsicherheit in Bezug auf die Zuverlässigkeit seiner Formel. Sie besaß auch nicht seine Naivität was die Gepflogenheiten der Croupiers und Geschäftsführer in amerikanischen Casinos betraf. Die Kugel zog immer noch ihre Runden. Wollte dieses verfluchte Ding nie auf die Dreizehn springen?

Gut, sie hatte Harold nach Vegas gelockt. Und sie brauchte einen Vorwand. Die Spieltheorie war für einen Mathematiker wie ihn der ideale Köder gewesen und natürlich musste sie, um den Schein zu wahren, mit Harold ins Casino gehen. Obwohl ein Besuch in einer 24-Stunden-Hochzeitskapelle eher ihren Vorstellungen entsprochen hätte.

“Die Werte des Patienten fallen rapide!”

“Sauerstoffsättigung?”

“Hundert Prozent.”

“Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt.”

“Blutdruck ist bei neunzig zu dreißig fallend.”

“Puls?”

“Dreißig. Ziemlich schwach.”

“Gut. Narkotikum aufziehen.” Mit einer geübten Bewegung wurde die Spritze injiziert.

“Puls und Blutdruck weiter fallend. Sättigung hundert Prozent. Er hält das nicht mehr lange durch.”

“Machen Sie Ihren Job. Für die Prognosen sind Sie nicht zuständig.” Zwei Minuten vergingen ohne einen weiteren Laut.

“Mr Spade ist soeben verstorben.”

“Na endlich.”

“Sorry, ich dachte Sie wären jemand anders.” Die Frau, die aus der Küche trat, war das Gegenteil von Havers: groß, kräftig und vielleicht vor langer Zeit einmal schön.

“Ihr Mann war heute morgen beim Arzt, falls Sie ihn erwartet haben.”

“Hab ich. Wenn er früh bei Ruteledge war, sitzt er jetzt mit Bonks und Smitters im Pub.” Sie fuhr sich mit den Händen durch das dicke, rote Haar, das kein Kamm, keine Bürste und keine Schere der Welt je gebändigt hatte. “Dabei soll sich mein Alter nach Arbeit umsehen. Miete ist in einer Woche fällig.” Dass jemand die Frechheit besaß, für so eine Bude Miete zu verlangen, erstaunte Lutetia. Mrs Havers war solche Reaktionen anscheinend schon gewöhnt. “Ich weiß, dass es nicht toll aussieht. Aber immer noch besser als auf der Straße zu schlafen. Oder bei seinen Eltern zu wohnen. Wolln Sie Kaffee? Ist gerade fertig. Übrigens, ich bin Bonnie.”

“Nein danke, ich habe gerade erst Kaffee getrunken.” Wenn sie vom Zustand des Wohnzimmers auf den der Küche schließen konnte – was Lutetia tat – dann hätte sie selbst nach einer mehrmonatigen Hunger- und Durststrecke hier immer noch verzichtet.

“Wenns mein weltberühmter Kaffee nicht ist, warum sind Sie dann hier?”

“Ich wollte Ihren Mann sprechen.” Bonnies Augen wurden eine Spur schmaler. “Keine Angst, ich wollte keine Affäre mit ihm anfangen.”

“Nee, natürlich nicht. Aber vielleicht hat er Sie belästigt. Ich hab so Sachen gehört, dass man das bei Ihnen besser bleiben lässt.”

“Auch das nicht. Ich habe gehört, dass er Dr. Ruteledge gut kennt. Zumindest, dass er viel Zeit in seiner Praxis verbringt.” Beim Namen Ruteledge ging eine weitere Veränderung in Mrs Havers vor sich. Ein Schimmer Weiblichkeit lief über ihr Gesicht und blieb dort liegen. Gleichzeitig wurden ihre weiblichen Instinkte wach. Lutetia vermutete, dass Mrs Havers eine Affäre mit Ruteledge gehabt hatte. Oder haben wollte.

“Ich habe ein paar Fragen zum Doktor.”

“Warum fragen sie ihn nicht selbst?” Mrs Havers Wachsamkeit nahm zu: sie entsprach jetzt der Wachsamkeit, mit der eine Löwenmutter ihre Jungen beschützt. Sie wollte eine Affäre mit Ruteledge, stellte Lutetia fest. Aber er wohl nicht mit ihr.

“Weil ich objektive Antworten will, und keine subjektiven.”

“Was?”

“Ich habe ihn schon alles gefragt und seine Antworten gehört. Jetzt wollte ich die Meinung eines zweiten Spezialisten.”

“Spezialisten? So’n Schwachsinn – sie wollen was hören, was sie Dave anhängen können. Irgendein Kunstfehler, und dann Geld aus ihm rausklagen, wie alle anderen. Nicht mit mir!”

“Ich bin auf der Suche nach einem Hausarzt. Und ich will wissen, ob Dr. Ruteledge gut ist, oder ob ich mich nach einem anderen umsehen soll.” Bonnie entspannte sich minimal.

“Gehen Sie zu Dave. Gibt sowieso keinen anderen Arzt in Borough. Und der Professor behandelt nur privat. Das können sie vergessen.”

“Kennen Sie Dr. Ruteledge schon länger?”

“Wie meinen Sie das?” Bonnie Havers Stimme war kaum mehr als ein scharfes Zischen. Mit ihr über den Doktor zu sprechen war wie Himmel und Hölle auf einem Minenfeld zu spielen.

“Sind Sie schon länger bei ihm in Behandlung?”

“Seit er seine Praxis eröffnet hat. Wir war’n mit die ersten Patienten. Wir haben unsere Loyilatät gezeigt, nachdem sie ihn wie Dreck behandelt haben.” In ihrer Stimme schwang Stolz mit; wahrscheinlich, weil sie es geschafft hatte ein Fremdwort – wenn auch falsch – in ihren Satz einzuflechten. “War was ganz besonderes. Dave hat am Royal College in London studiert. Solche Leute behandeln sonst nicht jemand wie uns.”

“Das ist merkwürdig.”

“Er ist außergewöhnlich. Eine Mutter Theresa. Naja, nicht Mutter, nicht das weibliche. Vater Theresa oder sowas.”

“Ein zweiter Hippokrates?”

“Kenn ich nicht. Dave ist jemand, der auf den Menschen kuckt. Und nicht auf seine Brieftasche.” Bonnie seufzte tief. “Stimmt schon. Dave ist eine Mutter Theresa. Bloß als Mann. Mit einem riesigen Herzen.”

“Aus Stein. Aus Basalt, um genau zu sein.”

“Das schwarze Ding? Dave ist stolz wie ein Gockel drauf. Kriegt nur der Beste, sagt er immer. Hat er Ihnen bestimmt auch gezeigt. Er zeigt’s jedem, der in sein Sprechzimmer kommt.” Lutetia lächelte.

“Danke, Mrs Havers. Das ist das, was ich wissen wollte.” Bonnie sah verträumt aus dem Fenster.

“Er ist wirklich ein ganz besonderer Mann.”

“Was Sie nicht sagen.”

Es konnten nur einige hundertstel Sekunden sein, aber sie dehnten sich zu einer Ewigkeit. Die Kugel lief im Rondell gegen die Laufrichtung der Spindel und machte keine Anstalten, auf die Dreizehn zu fallen. Die Profispieler hatten die Nase gerümpft, als Harold mit einem Dollar Einsatz begonnen hatte. Sie hatten mitleidig gelächelt, als er Zehner, dann Hunderter setzte. Ab tausend Dollar wurden sie still. Zwei oder drei spielten noch, der Rest blieb stehen und beobachtete Harold, der unaufhaltsam seinen Gewinn mit jeder Runde verdoppelte. Dann kamen die Spieler der Nachbartische herüber. Als Harold sein Kapital von zehntausend auf zwanzigtausend und dann auf vierzigtausend steigerte, hatte der Croupier unauffällig in ein Mikrofon an seinem Hemdkragen gemurmelt. Und dann waren ein paar Typen aufgetaucht, die nicht aussahen, als ob sie jemals spielen würden – weil es dieses Konzept in ihrer Höhle nicht gab. Brenda zupfte Harold am Ärmel.

“Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören!” flüsterte sie.

“Sollte man das?” fragte Harold verwundert.

“Da hat Ihre zauberhafte Begleitung vollkommen recht”, sagte eine tiefe, männliche Stimme hinter ihr. Brenda drehte sich um und ihr Kinn klappte nach unten.

Der Mann hinter ihr musste von Michelangelo an einem seiner besseren Tage aus einem soliden Block Marmor gemeißelt worden sein. Griechische Götter erblassten vor Neid, wenn sie ihn sahen. Schneider lieferten sich wahrscheinlich Straßenschlachten, um ihn einkleiden zu dürfen. Diese Reinkarnation der Eleganz schenkte Brenda ein Lächeln.

“Mein Name ist Darian Fox. Ich bin der Geschäftsführer dieses bescheidenen Etablissements.” Diesen Moment nutzte die Kugel, sich auf der Dreizehn zur Ruhe zu begeben.

“Dreizehn”, verkündete der Croupier. “Der Herr mit der gelb gepunkteten Krawatte auf dem blauen Hemd gewinnt. Schon wieder.”

“Ich befürchte, Ihr Begleiter hat die Bank gesprengt.”

“Wer?” fragte Brenda. Für einen Moment hatte sie tatsächlich den Rest der Welt vergessen. “Sie meinen Harold. Harold sprengt nichts, dafür ist er zu vorsichtig.”

“Wenn Sie das sagen. Darf ich Sie beide zu einem Drink an die Bar einladen?”

“Mit dem allergrößten Vergnügen.” Brenda tippte Harold auf die Schulter. “Du solltest eine Pause machen.” Harold sah kurz auf und betrachtete dann den Berg Chips vor sich.

“Was soll ich damit machen?” fragte er und schaffte es damit, zum Zentrum der Aufmerksamkeit aller Anwesenden in Hörweite zu werden. “Diese Dinger sind furchtbar unpraktisch. Man sollte Lego-Steine verwenden. Die kann man zusammenklicken. Sind wesentlich leichter zu transportieren.” Brenda lächelte entschuldigend.

“So ist Harold. Immer praktisch.”

“Was Sie nicht sagen.” Darian Fox zeigte seine Zähne mit einem atemberaubenden Lächeln. “Sie haben ein unglaubliches Glück, Harold.” Harold sah auf. Für einen Moment schien es, als wüsste er nicht, wo er gerade war.

“Glück? Das hat nicht das Geringste mit Glück zu tun. Sie brauchen bloß den Einwurfwinkel der Kugel festzustellen, die Aufschlagpunkt auf das Rondell und die Drehgeschwindigkeit der Spindel zu diesem Zeitpunkt. Der Rest ist reines Kopfrechnen. Wer waren sie gleich noch mal?”

“Darian Fox.”

“Angenehm. Harold Stubbs. Professor Harold Stubbs. Sie werden sicher schon von mir gehört haben. Ich habe mit meiner Theorie über die Wachstumsstatistik von Bienenvölkern einige Berühmtheit erlangt.” Fox’ Lächeln blieb wo es war.

“Ich befürchte, ich bin zweiundvierzig geworden, ohne dieses interessante Thema zu streifen.”

“Mr Fox wollte uns gerade zu einem Drink einladen”, warf Brenda ein, die Harolds Reaktion auf Menschen ohne mathematische Interessen kannte.

“Wie wäre es mit etwas zu essen? Ich bin hungrig.” Fox breitete die Hände aus.

“Seien Sie meine Gäste.” Harold hatte die Chips in die Taschen seines Sakkos gestopft und die hoffnungsvollen Blicke des Croupiers ignoriert, als die Kugel wieder ins Rondell geworfen wurde. Harold schloss die Augen und bewegte die Lippen, als er rechnete.

“Fünfundzwanzig”, murmelte er und folgte Brenda. Das Geräusch von brechendem Holz veranlasste die beiden sich umzudrehen. Der Roulettetisch war unter einem Berg menschlicher Leiber zusammengebrochen.

“Was war das?” Fox seufzte leise.

“Offensichtlich haben über dreißig Personen versucht, auf die Fünfundzwanzig zu setzen.”

“Warum sollten sie das tun?” Fox’ Lächeln gab auf.

“Scotch!”

Der Barmann schaute überrascht auf. Theoretisch hatte er Scotch hinter der Theke stehen, praktisch sollte aber kein Mensch, der so etwas trank, es bis hierher schaffen. Das Spaski lag in einer so exklusiven Gegend, dass – abgesehen von ein paar Ratten – sich niemand leisten konnte, hier zu leben. Wer es dennoch wagte, musste die eindringlichen Warnungen der Baubehörde ignorieren, die auf grellen Schildern allen den Tod versprachen, der sich in diese Ruinen vorwagte. Wer aber durch die Tür des Spaski trat, gelangte eine andere Welt. Der Club war ein Geheimtipp – mit anderen Worten: rappelvoll – und der bevorzugte Treffpunkt von Menschen, die zu viel Geld hatten und es zeigen wollten, ohne dabei mit Fragen belästigt zu werden, etwa, woher der Reichtum stammte und ob das alles versteuert war. Der Mann vor der Theke war zum ersten Mal im Spaski und der Mann hinter der Theke hatte das Gefühl, dass es kein gutes Ende mit ihm nehmen würde.

“Scotch! Oder muss ich erst deiner Mutter eine Knarre an den Schädel halten?” Der Mann sprach mit Akzent. Engländer, vermutete der Barmann, auch wenn er das Russisch in der Gosse oder irgendwo darunter gelernt haben musste. Pjotr schenkte ihm ein knappes Glas ein. Sein Gast musterte es misstrauisch, bevor er es in einem Zug leerte.

“Wie heißen Sie?”

“Pjotr.”

“Gut, Pjotr. Ich will Boris den Bäcker sprechen”, sagte er. Oder brüllte es vielmehr – jeder im Club musste es gehört haben. Sämtliche Geräusche verstummten für einen Herzschlag.

“Dann sollten Sie in eine Bäckerei gehen”, erwiderte Pjotr. Die Geräuschkulisse kehrte zurück.

“Soviel ich gehört habe, ist er sehr oft hier.” Pjotr zuckte mit den Schultern.

“Viele Gäste kommen hier her. Manche gehen wieder.”

“Noch einen.” Pjotr schenkte das Glas etwas voller ein – der Mut des Mannes musste belohnt werden. Außerdem würde er in seinem Leben nicht mehr viel Gelegenheit zum Trinken bekommen. Pjotr wandte sich wieder den anderen Gästen zu und polierte seine Gläser. Aus den Augenwinkeln beobachtete er weiter den Engländer. Dessen Jackett saß makellos, obwohl er keine Konfektionsfigur hatte. Das hieß erstens, es war maßgeschneidert und zweitens, dass er keine Waffe darunter trug. Das letzte war ein Problem, aber nur für den Engländer; Pjotr würde es eine zerschossene Bar und Blutflecken auf dem Boden ersparen. Der Idiot wusste sicher nicht, wen er da sprechen wollte. Boris verabscheute es, seinen Namen in der Öffentlichkeit zu hören, schon gar nicht gebrüllt. Und Boris hatte seine Leute überall. In ein paar Minuten würden ein oder zwei seiner Angestellten auftauchen und dem Engländer Manieren beibringen. Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als die Tür aufging und zwei neue Gäste das Lokal betraten. Zeit für eine Zigarettenpause, entschied Pjotr.

Die beiden Neuankömmlinge als Menschen zu bezeichnen hieße, oberflächlich nach aufrechtem Gang und einer gründlichen Rasur zu urteilen. Andere hätten von zwei dressierten Bären gesprochen, allerdings nur in ausreichender Entfernung und hinter einem sehr guten Gitter. Sie gingen zielstrebig auf die Bar zu. Dabei versicherten sie sich, dass niemand zu ihnen herübersah. Was auch niemand tat, denn Augenkontakt oder der bloße Verdacht darauf konnte das Interesse der Männer erwecken – und niemand wollte für die Beiden von Interesse sein. Der Engländer schien sie nicht zu bemerken, sondern ganz in den Anblick des großen Spiegels hinter der Bar versunken zu sein. Leichtes Spiel, dachten die Beiden gleichzeitig und grinsten. Das Geräusch knackender Fingerknöchel durchbrach die Stille.

Pjotr brach seine Zigarettenpause frühzeitig ab. Von drinnen war es zu still – und eine Leiche an der Bar sitzen zu haben war schlecht fürs Geschäft. Er stutzte, als er den Engländer allein an der Theke sah – mit einer Flasche Scotch, die er sich aus dem Regal geangelt hatte. Etwas in Bodennähe machte seltsame Geräusche. Der Engländer sprach in die Richtung.

“Mein Name ist Murdok McDuff. Ich habe etwas Geschäftliches mit Boris dem Bäcker zu besprechen und erwarte ihn morgen um dieselbe Zeit hier. Richtet ihm das aus, oder es gibt Ärger.” Zu Pjotr sagte er: “Danke für die Flasche. Geht auf die Beiden.” Dann verließ er das Spaski.

Harold hatte sich mit konzentrierter Entschlossenheit durch das Menü vor ihm gearbeitet. Teile, die ihn ansahen oder zu viele Arme hatten, blieben auf dem Teller zurück; auch wenn sie Delikatessen genannt wurden. Während der ganzen Zeit sagte er kaum ein Wort und überließ Brenda das Tischgespräch.

“Ihr Mann ist eine faszinierende Persönlichkeit.” Brenda warf einen vorsichtigen Blick zu Harold, ob dieser Einwände gegen eine solche Bezeichnung erheben wollte, aber Harold dachte darüber nach, ob auch ein Mangel an Augen und Armen ein Ausschlusskriterium darstellte; schließlich wagte er sich an die Austern.

“Sie sagten, das Casino gehört Ihnen?” Fox riss seinen Blick vom essenden Harold los.

“Es gehört mir nicht im engeren Sinne. Eigentümer sind eine Reihe Gesellschafter, ein paar arabische Scheichs, südamerikanische Geschäftsmänner. Ich habe vor einigen Jahren eine kleine Spielhalle drei Blocks weiter die Straße runter gegründet, Investoren gesucht und expandiert. Nun ja” – Fox lächelte bescheiden – “und jetzt gehören mir die drei Blocks bis hierher. Das heißt, ich verwalte die Geschäfte und sorge dafür, dass sie Gewinn abwerfen.”

“Sie müssen einen hervorragenden Steuerberater haben.” Die Hände fast aller Personen im Raum zuckten unter ihre Jacketts – dorthin, wo Verbrecher in einschlägigen Krimis ihre Waffen haben.

“Das ist nicht nötig. Sie nehmen sich irgendeinen Typen von der Straße, bauen ihn bis zum Senator auf und lassen ihn dann ein Gesetz einbringen, das alle Casinobesitzer mit den Initialen P F, die mindestens drei Blöcke in Vegas besitzen und mit einer kleinen Spielhalle angefangen haben bis an ihr Lebensende von Steuern befreit.”

“Ist sowas legal?”

“Sobald es durch den Senat ist.”

“Ihr Amerikaner seid ein seltsames Volk.” Fox sah zu Harold, der gerade mit einer Hebelkonstruktion aus zwei Gabeln und einem Messer die Schale einer widerspenstigen Auster sprengte.

“Es gibt da unterschiedliche Ansichten. Womit beschäftigt sich Ihr Professor eigentlich genau?”

“Hier ist das Replikat. Setzen Sie es ein, wir wollen doch, dass er gut aussieht.”

“Wenn ich mir die Bemerkung erlauben dürfte – das gilt auch für seine Nieren.” Einige Sekunden vergingen.

“Haben wir dafür Verwendung?”

“Der Computer ist der Überzeugung, dass sie für den Amerikaner geeignet wären.”

“Gut. Besorgen Sie etwas zum Auffüllen.”

“Zufälligerweise habe ich hier etwas Geeignetes.”

“Ping Pong Bälle?”

“In der Tat wären Golfbälle prädestiniert. Bedauerlicherweise sind Sie diesem Sport trotz seiner Reputation noch mehr ergeben.”

“Ich spiele, was mir passt!. Geben Sie die Bälle her und rufen Sie den Amerikaner an. Die Ware hält sich nicht ewig frisch.”

“Warum liest du über Herzkrankheiten?” wollte Marx wissen. “Du hast keins!”

“Liest du deshalb nie über Gehirnkrankheiten?”

“Wie witzig, Schwester.” Marx ging. Einige Augenblicke später spürte sie, dass George im Raum war.

“Niemand gestorben heute?”

“Nein.”

“Wie schön, dann hast du einen freien Tag.”

“Und was tust du?”

“Lesen.”

“Ein medizinisches Handbuch über Erkrankungen des Herzens. Wenn man bedenkt, was Mann und Frau gemeinsam anstellen könnten.”

“Ich will wissen, wozu man ein Herz braucht. Es gibt unwahrscheinlich viele Krankheiten, deren einzige Heilung in einer Transplantation besteht. Ich möchte wissen, was so ein Herz kostet.”

“Einundzwanzigtausenddreihundertfünfundsechzig Pfund und sieben Pence.” Lutetia sah ihren Mann mit einem Ausdruck an, der noch nicht entsetzt war, aber auf dem besten Weg dahin.

“Woher weißt du dass?”

“Man hört so dies und jenes.”

“Du meinst, du gehst spazieren und jemand kommt, stößt dir seinen Ellenbogen in die Rippen und sagt: ‘Hast du schon gehört? Herzen sind billig diese Woche!’?”

“So in der Art.” George blieb seltsam zurückhaltend.

“Ich weiß Totengräber verdienen nicht viel…”

“Die Ware ist nicht mehr frisch genug, wenn sie zu mir kommt.”

“Und wofür ist die Ware frisch genug?”

“Für die medizinische Fakultät. Als Lehrmaterial. Ich bekomme die Leichen rechtzeitig vor der Beerdigung zurück. Hübsch zugenäht. Vielleicht nicht alles am richtigen Platz, aber vollständig.”

“Hast du nachgesehen?”

“Bei den ersten drei.” Lutetia sah George mit einem Blick an, der bei ihm das ungute Gefühl hinterließ, dass da später noch etwas kommen würde.

“Wir haben das jetzt nicht mehr nötig.”

“Ich sehe hunderte Medizinstudenten, mit großen, tränengefüllten Augen…”

“Du weißt, was manche mit unerwünschten Katzenbabys machen – unabhängig von ihrer Augengröße? Wir reden später weiter. Ich muss mit Murdok sprechen. Er ist mit seiner Rate im Rückstand.”

“Murdok ist gefährlich. Du solltest ihn nicht erpressen.”

“Aber es macht Spaß. Und was wäre das Leben ohne?”

“Länger?” Lutetia seufzte.

“Es ist ein Duell des Geistes. Der Kampf zweier Genies. Er lässt sich etwas einfallen und ich kontere. Wie Schach, nur auf höherem Niveau.”

“Ich befürchte nur, dass Murdok sich mehr auf seine Waffe als auf seinen Geist verlässt.”

“Und du vergisst, dass es seine gerechte Strafe ist. Es war dein Vater, den er umgebracht hat.”

“Ich möchte nicht, dass er auch noch dich umbringt.” Für einen Moment hielt Lutetia inne.

“Ich pass schon auf mich auf”, sagte sie und ging.

“Haben Sie sich schon einmal mit Baccara beschäftigt, Professor? Noch nicht? Ich kann es Ihnen beibringen. Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit, einen Teil meiner Verluste wieder zurückzugewinnen.”

“Ich glaube kaum. Ich lerne sehr schnell. Wie funktioniert dieses Baccara?”

“Sie bekommen zwei Karten und die Bank bekommt zwei Karten – natürlich verdeckt. Dann sehen Sie sich Ihre an und entscheiden, ob Sie eine weitere wollen oder aufdecken. Wer am nächsten an einundzwanzig Punkten und nicht drüber ist, hat gewonnen. So einfach.”

“Ja, ich weiß. Das ist siebzehn und vier. Das haben wir als Kinder gespielt. Und erwachsene Menschen beschäftigen sich damit?”

“Man kann es sehr spannend machen. Lust auf eine Partie?”

“Schon.” Harold gähnte ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. “Aber nicht heute. Ich bin müde. Morgen vielleicht?”

“Ich lasse Sie gegen sieben abholen. Wo wohnen Sie?”

“Brenda, wo wohnen wir?” Brenda, die in praktischen Bereichen des Lebens schneller dachte als Harold, antwortete: “Victors.”

“Victors? Bist du dir sicher?”

“Ja!”

“Wenn du das sagst.”

“Bis morgen Abend dann.”

Kaum hatten Harold und Brenda den Raum verlassen, fiel Fox’ Lächeln aus seinem Gesicht.

“Ich will alles über die beiden wissen. Sind die irgendwo schon mal aufgefallen? Hat das Syndikat sie geschickt? Diese Typen machen doch echt vor nichts halt! Wer immer denen Geld gibt, er wird es bereuen.” Ein leises Hüsteln unterbrach seinen anschwellenden Redefluss.

“Ein Anruf aus England, Boss. Der Arzt.”

“Gib mir das Telefon und lass mich allein.”

“Der Totenschein, Sir?”

“Leberzirrhose im fortgeschrittenen Stadium. Todesursache akutes Nierenversagen. Und besorgen Sie neue Golfbälle, damit es das nächste Mal was standesgemäßes wird. Auch einen Drink für die Nerven?”

“Danke, sehr freundlich, Sir.” Eis klirrte im Glas, Whiskey plätscherte darüber. Im Nebenzimmer klingelte das Telefon, es wurde abgehoben, dann wieder aufgelegt.

“Der Amerikaner, Sir. Er wird morgen Abend hier sein. Er sagte, er hätte heute noch ein wichtiges Spiel.”

“Wie kann ein Spiel wichtig sein? In seinem Zustand sollte er sich sofort operieren lassen und nicht spielen.”

“Sehr wohl, Sir.”

“Diesen Spade, entsorg ihn auf die übliche Weise.”

“Wäre es nicht sinnvoller, ihn bis nach der Operation aufzubewahren? Vielleicht können wir noch etwas brauchen.”

“Nein. Wenn Gäste da sind, will ich keinen Abfall im Haus haben.”

“Sehr wohl, Sir.”

Auf der entgegengesetzten Seite der Hemisphäre verbrachte Brenda den Nachmittag mit Einkaufen. Sie hatte sich ein weiteres Kleid gekauft – diesmal eines, das lockerer saß und es ermöglichte, unauffällig etwas darunter zu transportieren. Jetzt benötigte sie noch etwas, was sie transportieren konnte, aber das gab es sicher nicht auf der Haupteinkaufsstraße. Sie bog ab und befand sich wenige Minuten später in einer Gegend, die mit dem Glitzer und Glamour der Spielerstadt nichts gemein hatte, sondern eher mit den Slums von Mexiko City. Leider stammte ihr Wissen über solche Slums aus einer durch Hollywood aufbereiteten Version, in der die bösen Buben vor Polizisten in Form von Karl Malden und Michael Douglas wegrannten. Die Gegend hier sah aus, als ob kein Polizist hierher kam und falls doch, dass sie nicht lange blieben (Am Leben. Oder so.) .

Außerdem brauchte sie nicht auf die Hilfe starker und gerechtigkeitsliebender Müllmänner zu hoffen; nach dem Datum einer vorbeigewehten Zeitung zu urteilen, war die Müllabfuhr seit drei Jahren nicht mehr hier gewesen. Brenda trat eine angefaulte Apfelsine aus dem Weg und traf eine Katze, die mit angemessenem Kreischen in einer Nebengasse verschwand. Dort tauchten drei Männer auf. Die Männer wirkten eigenartig unecht – aber das war Vegas. Niemand erwartete hier etwas Echtes. Alle drei waren schwarz, sehr groß und kräftig. Sie trugen Turnschuhe, Jeans und Highschool-Jacken, aus denen sie herausgewachsen waren. Dazu trugen sie mehr Gold an Hals, Händen und Zähnen als ein Mensch zur Schau stellen sollte, der Wert darauf legt, seine Hände und Zähne zu behalten. Und sie bewegten sich auf eine Art, die Brenda an die Sharks aus der Westside Story erinnerte. Die drei blieben stehen, als sie Brenda bemerkten.

“Yoh, was geht ab?” Das war Verbrecherslang, hoffte Brenda. Jedenfalls hatte es sich in den Straßen von San Francisco so angehört.

“Nichts Mam. Gehen sie weiter”, antwortete einer der Drei, dessen Jacke ihn als 92er auswies. Dafür kassierte er einen Ellenbogen in seine Seite. “Ich meine: Alles fein,…” – ein hilfesuchender Seitenblick auf seinen kurz gewachsenen Kollegen – “ähh…”

“Tusse!”, zischte der.

“Alles fein, Tusse.”

“Dann ist ja gut.” Die Gang atmete erleichtert auf und wollte sich davon machen.

“Moment!” Die Männer blieben stehen wie ertappte Jungs, aber Brenda war zu sehr auf ihr Ziel konzentriert, um solche Feinheiten zu bemerken. “Vielleicht könntet ihr einer harmlosen Touristin helfen.”

“Aber klar, schöne Frau”, sagte der Sprecher und blockte einen erneuten Ellenbogenvorstoß ab. “Was?” zischte er.

“Schön?” zischte es zurück. Der 92er winkte ab. Brenda ignorierte das.

“Als harmlose Touristin fühle ich mich ein wenig ungeschützt.”

“Brauchen sie eine Begleitung?”

“Ich will mich vor unerwünschten Begleitungen schützen.”

“Pfefferspray?”

“Es ist eine hartnäckige, unerwünschte Begleitung.”

“Eine große Flasche Pfefferspray?” Der Ellenbogenstoßer mit der Nummer Fünfundachtzig auf dem Rücken stöhnte. Das Hirn dieser Straßengang zu sein machte einsam.

“Ne Wumme, Lady?”

“Exakt.”

“Wie groß?”

“Beeindruckend groß.” Nummer Fünfundachtzig wies mit dem Kopf in die dunkle Gasse. Seine Begleiter verschwanden sofort darin und nach einem Blick, ob die Luft rein war, marschierte Brenda hinterher. Die Häuser rückten zusammen, ließen nur einen engen Spalt, den vergammelte Türen, endlos in die Höhe steigende Nottreppen und aufgeschlitzte Müllsäcke begrenzten. Ein lautes Wort und eine Lawine aus Putz und Abfall wäre die Antwort. Eine Blechdose klapperte. Sonst war nichts zu hören und kaum etwas zu sehen. Die beiden Männer, die ganz vorn liefen, konnte sie kaum noch erkennen. Plötzlich blieb Nummer Fünfundachtzig stehen und drehte sich um.

“Wie wäre es damit?” Brendas Augen brauchten einen Moment um zu erkennen, was ihr da gezeigt wurde. Es war eine außergewöhnlich große und beeindruckende Waffe.

“Nicht schlecht. Geben sie her.”

“Kein Geld, keine Ware.”

“Ich bin nicht blöd. Nachher ist das Ding aus Plaste”

“Ich hab die Knarre, ich mach die Regeln.”

“Sie sind nicht der Einzige. Wenn Sie nicht verkaufen wollen, suche ich einen anderen.” Der Mann rang mit sich selbst. Und gab nach.

“Ok, sehen Sie sich das Ding an.” Die Waffe glänzte mattschwarz. Ein dünner Ölfilm schimmerte auf dem Lauf in allen Regenbogenfarben, alles glänzte und blitzte. Und sie hatte einen eigenen Willen. Der Griff passte sich perfekt Brendas Hand an.

“Geladen?”

“Zwölf Schuss.”

“Wieviel?”

“Tausend.”

“Fünfhundert.” Brendas Verhandlungsautomatik übernahm automatisch. Drei Minuten später hatten sie sich auf fünfhundert Dollar und fünf Cent geeinigt. Brenda kramte in ihrer Handtasche nach dem Geld und überreichte Nummer Fünfundachtzig einen Bündel Scheine und eine kleine Münze.

“Wie wärs mit einer Quittung für die Steuer?” Nummer Fünfundachtzig grinste.

“Sie bekommen gleich viel mehr, Lady. State Police. Ich verhafte sie wegen illegalen Waffenbesitzes.” Die Waffe in Brendas Hand richtete sich automatisch aus. Ihr Daumen glitt von selbst über den Sicherungsbügel und löste ihn.

“Wie bitte?” Nummer Fünfundachtzig fixierte den Lauf seiner Waffe, der auf sein Herz gerichtet war. Brenda überlegte. Um Hilfe zu rufen war sinnlos – in einer solchen Gegend würden die Hilferufe keinen Retter anlocken, sondern Aasgeier, die nach Verwertbarem suchten. Nummer Fünfundachtzig wurde nervös.

“Illegaler Waffenbesitz ist im Staat Nevada verboten. Auch der Kauf ohne Waffenschein. Und das haben Sie gerade getan.” Er schluckte. “Ich muss Sie verhaften. Das sind die Regeln.”

“Verstehe. Aber jetzt habe ich die Waffe. Und deshalb mache ich die Regeln.” Nummer Fünfundachtzig ließ sich auf den Boden fallen.

“Parker! Collins! Erschießt sie!” Seine Worte verhallten, das Echo trieb sich ein paar Augenblicke herum und gab dann auf. Die beiden Begleiter des Staatspolizisten traten am anderen Ende der Gasse gerade wieder ins Sonnenlicht. Sie hatten nichts mitbekommen.

“Los, ausziehen!” befahl Brenda. Nummer Fünfundachtzig wurde weiß.

“Hier? Das ist…”

“Muss ich mich wiederholen? Waffe, Gesetz!” Seine Jacke fiel als erstes zu Boden. Zitternde Finger knöpften sein Hemd auf, dann fiel es hinterher.

“Los, weiter!”

“Sind Sie sicher?”

“Ich habe schon viele nackte Männer gesehen.”

“Im Anatomielehrbuch?” Brenda drückte den Arm durch und zielte zwischen seine Augen.

“Schneller!” zischte sie. Wenige Sekunden später stand Nummer Fünfundachtzig nackt vor ihr. Brenda wies auf einen schleimigen Haufen biologischer Abfälle. “Werfen Sie ihre Sachen da rein. Richtig tief reindrücken. Und jetzt dürfen Sie gehen.” Brenda wartete, bis der nackte Mann ein paar Meter weiter war und ging selbst langsam rückwärts. Der würde nicht zu seinen Männern gehen – nackt in dieser Stadt herumzulaufen mag für Touristen in fortgeschritteneren Zuständen der Alkoholvergiftung normal sein – für einen Staatspolizisten, der seine Autorität bewahren will, kam es nicht in Frage. Vielleicht würde er ein paar Klamotten klauen, oder er zeigte Härte und zog seine Sachen wieder an. Brenda blieben nur ein paar Minuten. Sie lief wieder zurück, erst rückwärts, als sie sich sicher war, dass ihr niemand folgte, drehte sie sich um und ging so unauffällig wie möglich weiter. Die Waffe in ihrer Hand fiel ihr erst wieder ein, als sie die Gasse verlassen wollte.

Murdoks Sekretärinnen wechselten so häufig wie die Freundinnen seines Bruders – was daran lag, dass Murdoks Büro die Endlagerstelle für Wilburs Ex-Gespielinnen war. Das aktuelle Exemplar hatte Lutetia noch nie gesehen.

“Ich will Mr McDuff sprechen.”

“Haben Sie einen Termin?” kam es automatisch.

“Ich brauche keinen” antwortete Lutetia bereits aus dem Büro. Die Brünette saß einige Augenblicke wie versteinert auf ihrem Stuhl und überlegte, was zu tun sei. Die Entscheidung, die sie traf, unterbrach Wilbur bei einem Vorstellungsgespräch der etwas anderen Art – aber er war Bürgermeister und er musste wissen, wie man mit solchen Situationen umgeht.

“Mein Bruder ist nicht da. Verlassen Sie das Rathaus.”

“Wo ist er?”

“Sie haben kein Recht, das zu fragen. Außerdem dürfen Sie sich mir laut gerichtlicher Verfügung nicht auf hundert Yard nähern.”

“Ich will mit Murdok sprechen, nicht mit Ihnen. Und Sie nähern sich mir, nicht umgekehrt. Wo ist er?”

“Das werden Sie noch früh genug erfahren.” Es war Wilbur anzusehen, dass er ihr gern ins Gesicht gesagt hätte, wo Murdok war und was er dort plante – nur um Lutetia vor Angst schlottern zu sehen. Andererseits war Murdok intelligent genug gewesen, seinem Bruder zu verbieten, irgend etwas zu sagen.

“Richten Sie ihm aus, dass er mit seinen Raten im Rückstand ist. Ich gebe ihm drei Tage. Dann werde ich sauer.”

“Wir haben keine Angst mehr vor Ihnen”, platzte Wilbur heraus. Lutetia drehte sich zu ihm herum und starrte ihm in die Augen.

“Was hat Murdok vor?”

“Wie war dein geistiges Duell?”

“Ist ausgefallen. Mein Gegner kam unbewaffnet.”

“Murdok hat Wilbur vorgeschickt?”

“Ja. Ich glaube, er plant etwas.”

“Wäre es nicht an der Zeit, die McDuffs in Ruhe zu lassen?”

“Jetzt, wo Murdok sich so viel Mühe gibt? Ich will doch nicht, dass seine ganze Planung umsonst war. Ich frage mich, was er gerade macht.”

Falls der Killer es für einen leichten Job gehalten hatte, dämmerte ihm jetzt die Erkenntnis, dass er falsch lag. Üblicherweise öffnete er die Tür behutsam, zog seine schallgedämpfte Waffe und feuerte zwei bis dreimal auf den Berg aus Decken und Kissen, drehte sich um und ging und war rechtzeitig zum Abendessen zu Hause.

Diesmal drehte er sich um und stand vor dem falschen Ende einer Browning.

“Waffe fallenlassen!” Der Killer gehorchte verdattert. Vor ihm stand sein Opfer, aber der Mann sah nicht aus, als ob er jemals friedlich im Bett schlafen würde, um sich dort ermorden zu lassen. “Boris schickt dich?” Die Augen des Mannes zuckten hin und her, als ob sie den Raum nach einem Fluchtweg absuchen würden. Schließlich nickte er.

“Warum die Mühe? Er weiß, wo er mich finden kann. Und ich will nur mit ihm reden. Geh und sag ihm das.” Murdok überlegte und senkte die Waffe etwas.

“Vielleicht sollte ich dir die Eier wegschießen. Nur um Nachahmer zu entmutigen.” Hinter Murdok erklang leiser Applaus.

“Bravo, Mr McDuff. Sie haben eine sehr überzeugende Art mit Menschen umzugehen. Wir sollten uns wirklich unterhalten. Ich bin Boris. Ich glaube, Sie können die Waffe jetzt weglegen.” Murdok hatte zwar keinen russischen Patriarchen erwartet, der aussah, als könne er zwei Flaschen Wodka zum Frühstück vertragen und Hufeisen mit einer Hand zerbrechen. Aber unter einem der mächtigsten Männer der russischen Unterwelt hatte er sich keinen Jungen vorgestellt, der in der Schule wahrscheinlich Vorsitzender des Mathematikerklubs war und dessen Akne sein Gesicht wie eine Pizza aussehen ließ. Murdok verkniff sich aber jeden Kommentar, denn die drei Männer, die ihn begleiteten, sahen so aus wie man sich brutale, gewissenlose Schläger vorstellt, bei denen ein unbedachtes Wort die Hotelrechnung um eine komplette Zimmereinrichtung erhöht. Murdok steckte die Browning ein. Die Blicke der Leibwächter blieben auf den Punkt gerichtet, an dem die Waffe sein Jackett etwas ausbeulte.

“Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen. Nehmen Sie Platz. Einen Drink?”

“Ich trinke nie bei Verhandlungen. Sie haben meinen Mitarbeitern sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass Sie einen Vorschlag für mich haben. Ich höre.”

“Sie haben einen Konkurrenten. Niklas, den Fleischer.” Boris nickte. Aus seinem Gesicht ließ sich nicht das Geringste ablesen – außer, dass ein paar Pickel sehr reif waren. “Ich möchte Sie bitten, ihn aus dem Geschäft zu drängen.”

“Aus dem Geschäft oder dem Leben?”

“Das überlasse ich Ihnen. Obwohl mir letzteres angenehmer wäre.”

“Niklas ist in Sankt Petersburg, ich bin hier. Wir sind nicht direkt Konkurrenten. Warum also sollte ich das tun?”

“Weil ich Ihnen ein unwiderstehliches Angebot mache.”

Zwei Stunden später verließ Boris mit seinen Leuten das Zimmer. Murdok, der wusste, dass ihm jetzt keine Gefahr mehr drohte, feierte allein mit einem Glas Scotch und ging schlafen.

“Statistisch gesehen ist es unmöglich, dass ich verliere”, behauptete Harold.

“Das sind geübte Spieler. Die verdienen ihren Lebensunterhalt damit.”

“Bei Baccara gibt es keine Möglichkeit zu bluffen.” Aber die Möglichkeit, Karten von unten zu ziehen, aus der Mitte oder aus dem Ärmel, dachte Brenda. Oder den allzu glücklichen Gewinner in einer dunklen Gasse zu erschießen. Das laut zu sagen hätte nur Harolds Starrsinn geweckt.

“Sei trotzdem nicht zu leichtsinnig. Denk daran, dass du eine Familie zu ernähren hast.”

“Wen?”

“Deine Kinder.”

“Mach dir keine Sorgen. Lutetia kommt sehr gut allein zurecht. Und Marx… irgendwie auch. Außerdem wird es am Anfang eine kleine Verluststrecke geben – bis ich genug Basisdaten gesammelt habe, um die Wahrscheinlichkeiten berechnen zu können. Das ist alles bereits eingeplant.” Das Gespräch führten sie, als sie auf dem Weg zu Victors waren.

Jetzt war ihr Mund trocken wie die Sahara, die Zunge fühlte sich an wie Schleifpapier und ihre Stimmbänder bestanden aus Pergament.

“Könnte ich ein Glas Wasser haben”, krächzte Brenda. Ihre weibliche Intuition sagte ihr, dass etwas furchtbar schief lief. Harolds kleine Verluststrecke dauerte schon drei Stunden, in denen er kein einziges Mal gewonnen hatte. Dafür dürfte der Stapel Stubbscher Schecks, der auf der Seite der Bank lag, bald den siebenstelligen Bereich erreichen. Brenda trank das Glas Wasser, das ihr ein befrackter Diener brachte, auch das zweite und das dritte. Es half nichts.

Es war Zeit, Harold ein Zeichen zu geben.

“Ich müsste mal für kleine Mädchen.”

“Sie waren doch eben erst auf Toilette”, brummte einer der Spieler.

“Das war vor drei Stunden!” Brendas Ton ließ die Spieler aus ihrer Trance erwachen. Fox zuckte mit den Schultern.

“Wie wäre es mit einer kleinen Pause? Einen Drink, Professor?” Fox winkte den Barkeeper heran.

“Ein Soda.” Der Barkeeper sah Harold entgeistert an.

“Soda?”

“Ja.”

“Soda? Wie in Whiskey Soda?”

“Genau so. Nur ohne Whiskey.”

“Sind Sie…”

“Ich nehme einen Wallaby Hangover”, unterbrach Fox.

“Was ist das?” Fox stöhnte.

“Ich zeig’s Ihnen.” Fox nahm den Barkeeper am Arm und führte ihn zur Theke. So, dass Harold es nicht sehen konnte, machte er ein Zeichen. Als Harold wieder in seine Papiere vertieft war, verließ der Croupier den Tisch und tauchte Minuten später auf Umwegen bei Fox auf.

“Der Typ macht mich alle. Sehen Sie, wie der grinst, Boss? Der hat was vor.”

“Aber was?”

“Keine Ahnung. Wer mit so einer Arschruhe spielt, hat entweder eine Panzerfaust in der Hosentasche oder ist nicht ganz dicht.”

“Ich sehe keine Panzerfaust.”

“Boss, bieten Sie ihm alles oder nichts. Und dann schicken wir ihn nach Hause.”

“Gut. Damit sollte er seine Lektion gelernt haben. Das Soda für den Professor?” Mit soviel beleidigter Kompetenz wie möglich wurde das Glas über den Tresen geschoben.

“Es gibt nun mal Menschen, die keinen Alkohol trinken.”

“Ja. Die sollte man erschießen.”

“Ihr Soda.” Harold schaute kaum von seinen Ordnern auf, als Fox ihm das Glas gab. Er machte auch sonst keine Anstalten zu kommunizieren.

“Ich bewundere Sie, Professor. Sie sehen immer noch sehr entspannt aus.”

“Es gibt keinen Grund, aufgeregt zu sein. Alles verläuft vollkommen perfekt. Das nächste Spiel gewinne ich übrigens.” Sogar der Croupier hob eine Augenbraue und sah Fox fragend an. Der zuckte mit den Schultern.

“Sind Sie wirklich sicher?”

“Vollkommen. Es ist eine Frage der Mathematik.” Fox lächelte.

“Was halten Sie dann von folgendem Vorschlag: Wir machen noch ein einziges Spiel. Alles oder nichts.”

“Ich verstehe nicht.”

“Ganz einfach: Sie schulden der Bank im Moment…”

“…Neunhunderttausendsiebenhundertsechsundachtzig…”

“…Dollar. Wenn Sie das nächste Spiel gewinnen, schuldet Ihnen die Bank neunhunderttausendsiebenhundertsechsundachtzig Dollar.”

“Und falls ich verliere?”

“Dann ist die Mathematik doch nicht so unfehlbar, wie Sie immer behaupten.” Fox konnte sehen, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Harolds blasses Gesicht bekam schlagartig mehr Farbe als ein gut abgekochter Hummer.

“Die Mathematik ist hundertprozentig zutreffend! Ich halte Ihre lächerliche Wette. Die Mathematik und das Universum stehen hinter mir.” Harold schlug mit der Faust auf den Tisch. “Es gibt nur ein kleines Problem.”

Ende der Leseprobe


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